TEIL ZWEI

KAPITEL 9

DIE ERMITTLUNGEN im Mordfall Hester Millar nahmen inzwischen einen Großteil der verfügbaren Kräfte in Anspruch. Das war wohl auch der Grund, warum am Montagmorgen die Zentrale entschied, den Anruf aus dem Labor direkt zu Markbys Büro durchzustellen, oder zumindest glaubte er dies, bevor er den Hörer abnahm.

»Superintendent Markby?« Die Stimme war weiblich und klang irgendwie bekannt, auch wenn Markby sie im ersten Moment nicht einzuordnen vermochte. Er bestätigte seine Identität, und die Anruferin fuhr fort:

»Ich bin Ursula Gretton. Erinnern Sie sich an mich?«

»Aber selbstverständlich erinnere ich mich!«, rief Markby aus. Ein Bild von Ursula stieg vor seinem geistigen Auge auf, eine große junge Frau in schmutzigen Jeans, die neben einem baufälligen Wohnwagen auf einer archäologischen Grabungsstelle stand.

»Das ist vielleicht eine Überraschung!«

»Es geht um Ihre Knochen.« Sie kicherte.

»Sie wissen, was ich meine. Die Knochen, die wir von der Polizei bekommen haben.«

»Woraus ich in meiner Eigenschaft als Detective schließe, dass Sie nicht länger für die Ellsworth Foundation arbeiten.«

»Nein.« Ihre Stimme wurde plötzlich ernst.

»Seit einer ganzen Weile, nicht mehr seit jener Geschichte … Sie wissen schon.« Er wusste in der Tat. Mord. Ein Frauenleichnam in der Sonne inmitten eines Berges von Hausabfällen. Ein Todesfall im unmittelbaren Umfeld von Ursula Gretton.

»Ich musste etwas Neues anfangen. Manchmal geht es eben nicht anders.«

»Ich verstehe. Schön, von Ihnen zu hören, Ursula.«

»Wie geht es Meredith?« Markby berichtete ihr, dass es Meredith gut ging, und er hoffte, dass sie den Zweifel in seiner Stimme nicht bemerkte.

»Sie sucht nach einem Haus«, fügte er hinzu, für den Fall, dass es ihr trotz seiner Bemühungen nicht entgangen war.

»Besser Sie als ich«, sagte Ursula.

»Aus Ihren Worten schließe ich, dass Sie bis jetzt kein Glück hatten?«

»Noch nicht, nein. Im Augenblick sieht es so aus, als hätte sich alles gegen uns verschworen, um die Wahrheit zu sagen. Aber es kann nicht mehr lange dauern«, fügte er beschwichtigend hinzu,

»bis wir das Richtige für uns gefunden haben.«

»Natürlich. Ich habe meinen Bericht fein säuberlich für Sie ausgedruckt, aber ich dachte, Sie würden die Fakten vielleicht gerne vorweg hören. Und es war eine willkommene Ausrede, um mich mal wieder zu melden.« Er hörte das Rascheln von Papier, und ihre Stimme fuhr fort:

»Wenn ich recht informiert bin, wurden die Knochen im Wald entdeckt, was Sinn macht. Meiner Schätzung nach haben sie etwa zwanzig Jahre lang dort gelegen.«

»Ah …«, hörte Markby sich ausrufen, und dann atmete er tief durch. Sie hörte es.

»War es das, was Sie sich erhofft haben?«

»Sie stehen möglicherweise mit einem alten, ungelösten Fall in Zusammenhang«, räumte Markby ein.

»Männlich oder weiblich?«

»Oh, ich denke, es ist ein männlicher Toter Mitte dreißig. Ihnen ist sicherlich aufgefallen, dass er besondere zahntechnische Arbeiten besaß?«

»Ist es. Absolut keinerlei Hinweis, nehme ich an, auf die Todesursache?«

»Nein, leider nicht. Keinerlei Spuren von einer Krankheit oder Verletzung. Eine Menge Beißspuren – die Knochen wurden von vielen Tieren angenagt, aber weder Messer- noch Sägespuren, nichts, das auf vorsätzliche Zerstückelung schließen ließe. Erde, Humus, Spuren von mikroskopischem Insektenleben. Es gibt nicht genügend Überreste, fürchte ich, als dass ich Ihnen mehr erzählen könnte. Aber dieser Kiefer ist ohne jeden Zweifel männlich. Ich packe alles zusammen und sende es Ihnen zu.«

»Nein«, sagte Markby, einem Impuls folgend.

»Ich komme zu Ihnen raus nach Oxford und hole die Knochen und den Bericht selbst ab.«

Ursulas Department befand sich hinter der respektablen roten Ziegelfassade einer viktorianischen Villa in North Oxford. Ihr Büro lag auf der Rückseite des Gebäudes mit Ausblick auf den einstigen Garten, der heute asphaltiert war und auf dem Fertigschuppen und Stapel von Kisten standen. Ein Fahrradständer unter einem Wellblechdach bildete einen besonderen Schandfleck unter allem anderen. Markby überlegte kurz, wie der Garten früher einmal ausgesehen hatte, in seinen besseren Zeiten, als das Haus noch von einer Familie bewohnt gewesen war und als es Blumen, Beete und Rasen gegeben hatte und Damen in langen Kleidern und mit Hüten, die im Schatten gesessen und Tee getrunken hatten. Die Knochen lagen in einer Schachtel auf Ursulas Schreibtisch. Sie erhob sich und kam nach vorn, um ihn zu begrüßen, die Hände in den Taschen ihres weißen Laborkittels vergraben. Sie hatte die langen dunklen Haare nach hinten gebürstet, wo sie von einer Art Band gehalten wurden, das Markbys junge Nichte

»Scrunchie« nannte. Markby hatte Ursulas faszinierend kornblumenblaue Augen nicht vergessen, doch der Effekt war immer noch umwerfend. Es fiel ihm schwer sich vorzustellen, dass es in Ursulas Leben keinen Mann gab. Selbst ein gebrochenes Herz heilt irgendwann genug, um mit dem Schmerz weiterzuleben, auch wenn es ihn niemals vergisst.

»Lange nicht gesehen«, sagte sie, nahm die rechte Hand aus der Tasche und streckte sie Markby hin. Er nahm sie und schüttelte sie, während er bedauernd sagte:

»Meredith und ich waren beide ziemlich beschäftigt in letzter Zeit, und wie ich sehe, ist es Ihnen nicht anders ergangen.«

»Die Zeit verfliegt nur so, wenn man Spaß hat«, entgegnete sie trocken.

»Ja, nicht wahr?«, erwiderte er gegen seinen Willen eine Spur säuerlich. Sie machte eine komische Grimasse.

»Hoppla. Bin ich etwa in ein Fettnäpfchen getreten? Ich dachte mir, dass Sie ein wenig deprimiert geklungen haben am Telefon.« Markby riss sich zusammen.

»Alles ist in bester Ordnung, ehrlich.«

»Nun ja. Dort liegen jedenfalls Ihre Knochen. Der Bericht ist im Hefter. Es gibt nicht viel über das hinaus, was ich Ihnen bereits am Telefon gesagt habe.«

»Sie waren sehr hilfreich.« Er sah auf seine Uhr.

»Beinahe eins. Darf ich Sie zum Mittagessen einladen?«

»Das wäre wunderbar, danke sehr! Normalerweise gehe ich nicht raus zum Essen, sondern begnüge mich mit einem Apfel und einer Tüte Crisps. Es gibt ein Pub ganz in der Nähe, das mittags kleine Snacks serviert.«

Das Pub war ein ziemlich typisches Oxforder Lokal mit viel dunkler Eiche, einem beengten Innenraum und einem großen Anteil Touristen unter der Kundschaft. Sie bestellten jeder Scampi und Pommes frites. Ursula nahm ein Glas Weißwein dazu, und Markby, der noch zurück zum regionalen Hauptquartier fahren musste, entschied sich für einen Tomatensaft mit einem Spritzer Lea and Perrins.

»Ich hoffe doch, dass zwischen Ihnen und Meredith alles in Ordnung ist?«, sagte Ursula und trank einen Schluck von ihrem Wein.

»Ich will nicht neugierig erscheinen. Es ist nur, dass ich Sie beide immer beneidet habe. Sie scheinen so gut zueinander zu passen und wirken so glücklich.«

Er bemerkte, dass er ein wenig verlegen grinste.

»Wir sind schon eine ganze Weile auf der Suche nach einem Haus. Ich hatte keine Ahnung, dass es so stressig werden würde. Wir finden einfach nicht das passende, so sehr wir auch suchen, und dann musste Meredith unglücklicherweise auch noch über einen Leichnam stolpern, der eine Morduntersuchung ausgelöst hat.«

»Das ist wirklich ziemliches Pech.« Ursula stellte ihr Glas ab.

»Sie muss sehr aufgewühlt sein.«

»In gewisser Hinsicht, denke ich, ist sie eher verärgert«, reflektierte Markby.

»Aufgewühlt ist sie natürlich auch, sicher. Das Opfer war eine ältere Lady mit einem allem Anschein nach makellosen Lebenswandel, eine pensionierte Lehrerin.« Ursula lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und musterte Markby.

»Aber das ist nicht rein zufällig der Mordfall, über den in der lokalen Presse berichtet wurde? Der Mordfall, der sich in Lower Stovey ereignet hat, wo auch die Knochen gefunden wurden?«

»Genau der. Der Name des Opfers lautet Hester Millar. Es gibt kein offensichtliches Motiv, und es gibt bis jetzt keinerlei Verbindung mit den Knochen, für den Fall, dass Sie sich diese Frage gestellt haben. Jedenfalls keine, die wir gefunden hätten. Hester war unverheiratet und wohnte mit einer alten Freundin zusammen, Ruth Aston. Wir hatten gehofft, Mrs. Aston könnte uns weiterhelfen, was mögliche Hinterbliebene und Anverwandte von Miss Millar angeht. Doch wie es scheint, hatte Hester Millar keinerlei Verbindung zu ihren Angehörigen, falls es überhaupt welche gibt. Ihre Eltern starben bereits vor Jahren. Es gab nie irgendwelche Grußkarten zu Weihnachten oder zu Geburtstagen oder ähnliche Dinge, die einen Rückschluss zugelassen hätten. Hester war eine von jenen Personen, die keine Familie haben und nur sehr wenige Freunde oder Freundinnen. Ruth war offensichtlich der einzige Mensch, zu dem Hester Kontakt hatte. Es gibt eine Vielzahl von Frauen im mittleren Alter im Land, denen es ganz genauso geht. Was eine so typische allein stehende Person wie Hester getan haben kann, dass jemand anders sie tötet, übersteigt mein Vorstellungsvermögen. Ich glaube fast, wir werden uns an diesem Fall die Zähne ausbeißen.« Langsam sagte Ursula:

»Ich denke, sie hatte zumindest einen Verwandten.« Überrascht starrte Markby sie an. Sie errötete.

»Einer meiner Kollegen erwähnte heute Morgen diesen Mord. Er hat in den Nachrichten davon gehört. Er meint sich zu erinnern, dass Hester Millar vielleicht mit Dr. Amyas Fitchett verwandt war, dem berühmten Historiker, Sie wissen schon.«

»Zu meiner Schande weiß ich nichts, nein«, gestand Markby.

»Aber wieso kam Ihr Kollege auf diese Idee?«

»Oh. Na ja, Peter – so heißt mein Kollege – hat eine Frau, die Dr. Fitchett besucht. Der Historiker ist ein alter Mann und seit Ewigkeiten pensioniert. Er wohnt für sich allein in einem alten Haus nicht weit von hier. Er hat eine Frau, die für ihn putzt und kocht und die Einkäufe erledigt. Ansonsten hat er nur noch Peters Frau Jane, die ihn einmal in der Woche besucht, nur um sicher zu sein, dass es ihm gut geht. Sie waren früher einmal Nachbarn, und sie mochte den alten Burschen immer gerne. Der Grund, aus dem Peter glaubt, dass er möglicherweise mit Hester verwandt sein könnte, ist, dass Dr. Fitchett von Zeit zu Zeit alte Fotoalben hervorkramt und sich mit Jane die Leute auf den Schnappschüssen ansieht, während er in Erinnerungen schwelgt. Jane ist sicher, dass er eines der kleinen Mädchen auf den Bildern seine Nichte genannt hat, Hester Millar, die Tochter seiner Schwester, und dass er gesagt hat, dass er glaubt, sie würde in der Nähe von Bamford leben, auch wenn er keinen Kontakt zu ihr hat. Jane erbot sich offensichtlich, für ihn den Kontakt herzustellen. Das war vor ungefähr einem Jahr. Doch er meinte nur, es mache keinen Sinn. Er kann ziemlich halsstarrig sein, also beließ sie es dabei, auch wenn sie meint, es sei eine Schande, dass er niemanden sonst hat.«

»Richtig«, sagte Markby und bemühte sich, die Aufregung aus seiner Stimme herauszuhalten, die sich seiner bemächtigt hatte.

»Könnten Sie diese Jane fragen, wo Dr. Fitchett wohnt? Es scheint, als sei er tatsächlich der nächste Anverwandte der Verstorbenen.« Ursula schürzte den Mund und kramte in ihrer Tasche. Sie zückte ein Mobiltelefon.

»Der alte Bursche ist sicher um die neunzig. Selbst wenn er keinen Kontakt mit Hester hatte, wird es ein Schock für ihn, von ihrem Tod zu erfahren. Ich bezweifle, dass er bereits davon gehört hat. Die moderne Welt und alles, was damit zu tun hat, enden nach Janes Worten an seiner Türschwelle. Wahrscheinlich ist es am besten, wenn ich Jane anrufe und zuerst ein Treffen zwischen ihr und Ihnen arrangiere. Sie kann mit Ihnen zu Dr. Fitchett gehen und Sie vorstellen. Wahrscheinlich würde er sich andernfalls weigern, Sie zu empfangen, und es ist bestimmt besser, wenn Jane in der Nähe ist, wenn Sie ihm die Nachricht vom Tod seiner Nichte überbringen.« Während sie mit ans Ohr gepresstem Handy darauf wartete, verbunden zu werden, beugte sie sich über den Tisch und flüsterte Markby zu:

»Eigentlich hasse ich es ja, wenn die Leute ihre Mobiltelefone in Pubs benutzen. Sie nicht?« Markby kicherte. Die Scampi trafen ein, während Ursula mit Jane telefonierte. Schließlich klappte sie ihr Handy wieder zu, steckte es ein und nahm das Besteck in die Hände.

»So, alles arrangiert. Ich bringe Sie gleich nach dem Essen zu Jane.«

»Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar, Ursula«, sagte Markby.

»Wir wären andernfalls wahrscheinlich niemals auf diesen alten Burschen gestoßen. Wie gut, dass ich persönlich hergekommen bin, um Sie zu besuchen.«

»Kein Problem, gerne geschehen«, sagte sie, blickte von ihrem Essen auf und fixierte ihn aus ihren faszinierenden blauen Augen.

»Ich schulde Ihnen und Meredith eine ganze Menge.«

»Nein, tun Sie nicht. Wäre es taktlos von mir zu fragen, ob es in Ihrem Leben inzwischen jemand Besonderen gibt?« Sie zuckte die Schultern.

»Ich bin nicht gut im Führen von Beziehungen, fürchte ich. Ich schätze, es liegt an meiner schlechten Urteilsfähigkeit. Sehen Sie sich doch nur dieses Desaster an, das ich mit Dan hatte. Seit damals hab ich eine Reihe netter Kerle kennen gelernt, aber ich weiß einfach nicht … Vielleicht ist meine Arbeit auch nicht gerade hilfreich. Es wäre wirklich schön«, sagte sie,

»endlich einmal einen Mann kennen zu lernen, der seine Tage nicht mit Mementos an die Toten verbringt, ob es nun Knochen oder Fossilien oder irgendwelche konservierten Körperteile sind. Ich verbringe so schon eine Menge Zeit in der Gesellschaft von Knochen.« Sie seufzte.

»Dann sollten Sie sich auf keinen Fall mit einem Polizisten einlassen«, empfahl Markby ihr.

»Bevor ich Sie mit zu ihm nehme«, sagte Jane Hatton später an diesem Tag,

»sollte ich Sie warnen, dass er ein sehr gemeiner alter Mann sein kann.«

»Gütiger Gott. In welcher Hinsicht?«, fragte Markby.

Mrs. Hatton war eine pummelige junge Frau mit einem dichten Schopf krauser blonder Haare. Als Markby bei ihr zu Hause ankam, fand er sie von einer lebendigen Brut kleiner Kinder umgeben, doch diese waren bald in die Obhut eines Aupairmädchens entlassen, und man bot ihm einen Platz auf einem klapprigen, uralten Lehnsessel an, um, wie er herausfand, ihn richtiggehend zu verhören.

»Ich muss wissen, was für eine Sorte Mensch Sie sind«, sagte

Jane freimütig zu ihm.

»Bevor ich Sie zu Amyas mitnehme.« Nach einer längeren Sitzung mit Fragen und Antworten sagte sie schließlich:

»Als Ursula sagte, dass Sie Polizist sind, hatte ich schon das Schlimmste befürchtet. Aber Sie sind ein netter und intelligenter Mensch, und er wird Sie mögen. Ich bringe Sie zu ihm.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, und ich bin offen gestanden erleichtert«, antwortete er, und sie hatte herzlich aufgelacht. Das Lachen war fast augenblicklich wieder verklungen, und ernst fügte sie hinzu:

»Ich werde ihn anrufen und ihn informieren, dass wir auf dem Weg zu ihm sind. Ich muss sowieso hin, weil irgendjemand ihm sagen muss, dass seine Nichte tot ist, und ich schätze, diese Aufgabe obliegt mir. Ich bezweifle, dass er schon etwas darüber weiß.« Sie verschränkte die Hände und sah Markby in tiefem Ernst an.

»Um Ihre Frage von vorhin zu beantworten – ich meinte damit nicht, dass er mich durch die Stube jagt. Er kann allerdings sehr störrisch sein. Manchmal tut er so, als wäre er taub. Das ist er nicht. Oder er tut, als könne er sich nicht erinnern. Er kann. Er ist tatsächlich das größte alte Schwatzmaul, das ich kenne. Die Sache ist nur, nachdem er all die Jahre mehr oder weniger ganz allein in seinem Haus eingesperrt gelebt hat, sind die Dinge, über die er redet, ein wenig … veraltet. Er kennt sämtliche Skandale und Skandälchen, die sich vor vierzig Jahren an der Universität ereignet haben. Er kann Ihnen alle möglichen Geschichten über berühmte Persönlichkeiten erzählen, die bei ihm studiert haben. Er sieht nur höchst selten fern, auch wenn er weiß, wer die Leute in den Nachrichten sind, ich meine zum Beispiel den Premierminister oder irgendeinen Goldmedaillengewinner bei Olympischen Spielen. Ich fürchte nur, er findet die moderne Welt zu anstrengend. Er hat sein Zeitungsabonnement gekündigt, weil in den Zeitungen nie irgendetwas stand, das er lesen wollte. All die Menschen, die ihn je interessiert haben, sind längst tot oder stehen kurz davor. Armer alter Knabe.«

»Er klingt ganz wie mein verstorbener Onkel Henry«, sagte Markby.

Die zweite Sache, über die Jane Markby auf dem Weg zu Dr. Fitchett warnte, war, dass sein Haus ein

»richtiges Museum« wäre. Das war es ganz sicher. Die meisten der riesigen Bürgerhäuser des neunzehnten Jahrhunderts in der Gegend waren längst umgebaut und anderen Zwecken zugeführt worden, seien es Sprachschulen, B&B-Hotels oder Büros, wie das, in dem Ursula arbeitete. Amyas Fitchett hingegen wohnte noch immer in seiner beinahe grotesk überdimensionierten Behausung. Jane hatte einen Haustürschlüssel und sperrte auf. Sobald sie den Flur betrat, rief sie laut, dass sie eingetroffen wären, um den alten Mann nicht zu erschrecken. Die Antwort war ein Krächzen irgendwo ganz in der Nähe.

»Er ist in seinem Arbeitszimmer«, flüsterte Jane und führte Markby durch einen düsteren Korridor in einen dunklen Raum mit hoher Decke, an dessen Wänden sich Bücher über Bücher reihten und in dem es nach Staub roch. Das Mobiliar war willkürlich zusammengewürfelt. Die Vorhänge waren halb zugezogen, was die Sache noch schlimmer machte. Es gab eine Lichtquelle, eine altmodische Schreibtischlampe mit einem grünen Schirm, doch als Markby in ihre Richtung blickte, stellte er fest, dass der Kontrast mit der umgebenden Dunkelheit so stark war, dass er überhaupt nichts sehen konnte, was jenseits des Lichtkegels der Lampe lag. Daher schrak er verblüfft zusammen, als eine Stimme aus den Schatten ertönte.

»Welcher Begebenheit verdanke ich diese Ehre?«

»Das ist der Gentleman, wegen dem ich Sie angerufen habe, Amyas. Ich weiß, dass Sie es nicht vergessen haben.«

Noch während sie sprach, war Jane Hatton zum Fenster getreten, und jetzt riss sie die Vorhänge auseinander, sodass helles Tageslicht in den Raum fallen konnte. Markby stellte fest, dass vor ihm am Schreibtisch eine winzige Gestalt saß, ein kleiner Vogel von einem Mann mit einem kahlen rosigen Schädel und einem schütteren Kranz weißer Haare und einem Ausdruck im Gesicht, der tatsächlich an den eines unartigen Kindes erinnerte. Dr. Fitchett erhob sich hinter seinem Schreibtisch und kam nach vorn. Er bewegte sich vorsichtig und mit federnden Schritten.

»Setzen Sie sich, so setzen Sie sich doch!«, zwitscherte er seinen beiden Besuchern zu und deutete auf zwei massive viktorianische Lehnsessel. Als sie Platz genommen hatten, ließ er sich in einen abgewetzten samtenen Queen-Anne-Sessel sinken und strahlte sie an.

»Gesellschaft! Wie wunderbar! Wir trinken gemeinsam Tee!«

»Ich mache ihn«, sagte Jane und erhob sich wieder.

»Kekse sind in der Dose!«, krähte er hinter ihr her, als sie nach draußen ging, und warf Markby dabei einen verschwörerischen Blick zu. Als die beiden Männer allein waren, entspannte sich Markby in seinem riesigen Sessel ein wenig. Er schlug die Beine übereinander und sagte:

»Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, mich zu empfangen, Sir.«

»Jane hat mir erzählt, dass Sie Polizist sind.« Dr. Fitchett blinzelte Markby an.

»Also sind Sie wahrscheinlich ziemlich fit, nicht wahr?«

»Ah … ja«, sagte Markby.

»Es ist dienstlich erforderlich.«

»Ich halte mich selbst ebenfalls fit. Ich jogge durch meinen Garten, zwanzig Mal im Kreis herum, jeden Morgen.«

»Das ist sicher sehr wohltuend.«

»Ja, das ist es! Ich esse außerdem gesund. Kein Fleisch. Ich hab seit Jahren kein Fleisch mehr gegessen. Fisch, ja. Eier ebenfalls. Aber kein Fleisch. Essen Sie Fleisch?« Markby gestand, dass er gerne Fleisch aß. Dr. Fitchett schüttelte sorgenvoll den Kopf.

»Sie machen einen großen Fehler, junger Mann. Mein lieber Junge, überlegen Sie ernsthaft, ob Sie es nicht aufgeben möchten. Was war noch gleich der Grund, aus dem Sie mit mir reden wollen?« Der Wechsel von einem Thema zum nächsten erfolgte so plötzlich, dass Dr. Fitchetts Besucher für einen Moment um die Fassung rang. Markby wurde bewusst, dass das genau der Sinn der Übung gewesen war. Dr. Fitchett fing an, wie Jane Markby gewarnt hatte, sich wie ein ungezogenes Kind aufzuführen.

»Ich fürchte, ich habe eine Reihe weniger schöne Nachrichten für Sie, Mr. Fitchett, Sir. Aber vielleicht sollten wir lieber warten, bis Mrs. Hatton aus der Küche zurück ist.«

»Ah«, sagte Dr. Fitchett.

»Dann sind Sie also ein Unglücksbote, ein Überbringer schlechter Nachrichten, nicht wahr? Früher einmal war es in verschiedenen Kulturen Brauch, den Mann zu töten, der schlechte Nachrichten brachte.« Seine kleinen, wachen Augen glitzerten Markby in boshafter Belustigung an. Markby, der sich Sorgen gemacht hatte über die Wirkung der Neuigkeiten, die er dem alten Mann zu überbringen im Begriff stand, kam zu dem Schluss, dass dieser es wahrscheinlich ziemlich gelassen hinnehmen würde, wenn man es ihm in kleinen Scheiben erzählte. Amyas Fitchett war ein zäher alter Bursche. Nichtsdestotrotz wartete er bis zu Janes Rückkehr, was nicht lange dauerte. Sie trug ein Tablett mit den TeeUtensilien, bestehend aus verschiedenen Bechern und einer braun glasierten Teekanne mit gesprungenem Ausgießer.

»Nun denn, mein junger Freund«, sagte Dr. Fitchett, als jeder einen Becher Tee hatte und einen Wiener Schokoladenkeks.

»Immer heraus mit den schlechten Neuigkeiten! Stehen die Barbaren vor den Toren, eh? Ist Rom gefallen? Hat sich die Stadtverwaltung schon wieder wegen der Eiche im Garten beschwert? Sie ist vollkommen sicher. Ich lasse sie nicht zurückschneiden, und damit basta.«

»Amyas«, unterbrach Jane den alten Mann.

»Die Sache ist ernst. Sie haben vielleicht noch nicht davon gehört, aber jemand … eine Frau wurde tot aufgefunden. In einer Kirche in Lower Stovey.«

»Wo soll denn das sein?«, fragte er und biss ein Stück von seinem Keks. Krümel fielen auf seine Weste, auf der sich bereits die Spuren einer Kollision mit einem gekochtem Ei früher am Tage befanden.

»In der Nähe von Bamford. Sie erinnern sich, dass Sie mir erzählt haben, Sie hätten eine Nichte, die in der Nähe von Bamford lebt? Hester Millar?« Er starrte Jane misstrauisch an und murmelte:

»Nein. Ich erinnere mich nicht.«

»Amyas, bitte! Sie erinnern sich sehr wohl«, bettelte Jane.

»Machen Sie jetzt keine Mätzchen. Nicht in einem Augenblick wie diesem. Oh, es ist schrecklich!« Begreifen glitzerte in den alten Augen, die auf Janes Gesicht fixiert waren.

»Wollen Sie mir sagen, dass diese unglückliche Frau Hester war?« Während er sprach, erstarrte Dr. Fitchett, einen halben Keks in der Hand und einen irdenen Becher mit dem Wappen von Ramsgate in der anderen.

»Die kleine Hester? Wollen Sie mir etwa sagen, sie ist tot?«

»Ich fürchte ja, Amyas. Es tut mir schrecklich Leid.« Dr. Fitchett versank in kurzes nachdenkliches Schweigen und kaute seinen Keks zu Ende, während er die Information in irgendeine Schublade seines Gedächtnisses zu sortieren schien.

»Gütiger Himmel. Das sind tatsächlich schlimme Neuigkeiten. Wie alt war sie?«

»Siebenundfünfzig«, antwortete Markby.

»Ich wage zu behaupten, dass sie Fleisch gegessen hat«, stellte Dr. Fitchett fest.

»Sie ist nicht auf natürliche Weise gestorben, Sir. Sie wurde, äh … Sie wurde erstochen.« Markby brachte die Worte nur widerwillig über die Lippen.

»In einer Kirche?« Dr. Fitchett klang wie die kleine Lady Bracknell.

»Wie ungewöhnlich! Genau wie der unglückselige Beckett! Wer hat sie erstochen?« Er warf einen forschenden Blick in Markbys Richtung, der sinnierte, dass ein Seminar bei Dr. Fitchett in seiner aktiven Zeit an der Universität eine ziemlich beunruhigende Angelegenheit gewesen sein musste. Ihm war vollkommen bewusst, dass der alte Bursche die gleichen Tricks gegen seine Besucher einsetzte, die er früher erfolgreich an seinen glücklosen Studenten praktiziert hatte. Andererseits waren es diese Tricks, die dem alten Mann dabei halfen, mit den schlimmen Neuigkeiten fertig zu werden.

»Das wissen wir noch nicht, Sir. Es sieht so aus, als wären Sie ihr einziger Verwandter und nächster Angehöriger.«

»Ich weiß nicht, ob ich erpicht darauf bin!«, sagte Dr. Fitchett augenblicklich und schüttelte den kahlen Kopf.

»Nein, nein, das geht überhaupt nicht! Sie werden sich für mich darum kümmern, Jane, nicht wahr?« Er warf ihr einen bittenden Seitenblick zu.

»Ich denke, Ihr Anwalt wäre besser dafür geeignet, Amyas. Ich werde ihn anrufen und ihm von der Sache erzählen.«

»Meinetwegen. Solange es nicht erforderlich ist, dass ich irgendwo hingehe.« Seine ohnehin hohe Stimme wurde richtig schrill.

»Das wird sicher nicht nötig sein«, versicherte Markby ihm hastig, als Dr. Fitchett die ersten offenen Anzeichen von Stress zeigte, nicht wegen der Neuigkeiten, sondern angesichts der Vorstellung, sich aus seinem Haus begeben zu müssen. Markby fragte sich, wann der alte Mann zum letzten Mal draußen gewesen war.

»Ich hatte eigentlich gehofft, dass Sie mir etwas über Ihre Nichte erzählen könnten.«

»Überhaupt nichts, mein Lieber.« Der alte Mann entspannte sich sichtlich, nachdem ihm versichert worden war, dass er nicht hinaus in die moderne Welt musste, die er verabscheute und die er nach Kräften ignorierte.

»Ich habe sie zum letzten Mal gesehen, als sie, oh, ungefähr dreißig war, wenn überhaupt. Sie war immer ein sehr schlichtes Mädchen. Jane, bringen Sie mir doch bitte das Album, ja, meine Liebe?« Jane, die sich gut im Haushalt des alten Mannes auszukennen schien, stand gehorsam auf und ging zum Regal, um ein ledergebundenes Fotoalbum zu holen. Fitchett blätterte langsam in den Seiten, bis er gefunden hatte, wonach er suchte.

»Da ist es.« Er tippte mit verschrumpeltem Finger auf eine Fotografie.

»Das Bild muss in Hesters erstem Jahr an der Oxford University gemacht worden sein. Das andere Mädchen ist eine Freundin von ihr, die als Feriengast im Haus meiner Schwester war.« Er reichte Markby das Album. Es war so schwer, dass Alan es beinahe hätte fallen lassen. Die Aufnahme war im Hochsommer entstanden. Sie zeigte zwei junge Frauen in leichten Kleidern. Die eine war unverkennbar Hester Millar in jungen Jahren. Sie war tatsächlich schlicht, doch auf gesunde Weise attraktiv. Beide Frauen zeigten jenes unschuldige Leuchten, das typisch ist für jene, die gerade die Schule abgeschlossen hatten und in eine neue Welt hinauszogen, in ihrem Fall die aufregende Welt der Universität. Sie lehnten an einer Trockenmauer, doch es war nicht zu erkennen, wo das Bild entstanden war.

»Es wurde wahrscheinlich«, sagte Dr. Fitchett, als hätte er Markbys Gedanken gelesen,

»in den Yorkshire Dales aufgenommen. Dort hat meine Schwester gelebt. Fragen Sie mich nicht warum.« Doch Markbys Blick haftete längst auf dem Mädchen neben Hester. Er betrachtete das Foto genauer. Das andere Mädchen war hübsch, sehr hübsch sogar, doch es sah zart und zerbrechlich aus. Die Attraktivität war mit den Jahren verblasst, doch es war genügend übrig geblieben, dass Markby sicher war, sie erst vor kurzem gesehen zu haben. Er hielt Dr. Fitchett das offene Album hin.

»Wissen Sie, wer die andere junge Frau auf dem Bild ist?« Der alte Mann warf einen Blick auf das Foto und sah dann Markby an. Seine Augen funkelten wieder einmal schalkhaft.

»O ja, selbstverständlich. Das ist die kleine Ruth Pattinson, die Tochter des Vikars! Sie kennen die Weise, Superintendent? Es war ein kleines Mädchen, das hatte eine Locke mitten in der Stirn. Wenn es artig war, dann war es sehr sehr schön, und wenn es böse war – dann kam es in Schwierigkeiten!«

»Ein Baby?« Pearce blickte überrascht auf, und dann zuckte er die Schultern.

»Ich nehme an, so etwas geschieht andauernd«, sagte er.

»Wir reden hier von 1966, Dave, und das Mädchen kam aus der ultrarespektablen Familie eines Geistlichen. Der Vater des Kindes hatte sich geweigert, sie zu heiraten. Es war das Jahr, bevor das Abtreibungsgesetz verabschiedet wurde, und selbst wenn sie durch Gewalt schwanger geworden war, bezweifle ich, dass Ruth Pattinson mit ihrer religiösen Kindheit in eine Klinik gegangen wäre, um die Schwangerschaft zu beenden. Eine illegale Abtreibung wäre gefährlich gewesen, und sie hätte wahrscheinlich auch gar nicht gewusst, wohin sie gehen musste. Wie dem auch sei. Sie konnte sich nicht an die eigenen Eltern wenden. Sie wären zutiefst schockiert und enttäuscht gewesen, insbesondere Ruths Vater, der überzeugt war, dass ein Vikar und seine Familie ein gutes Beispiel für den Rest der Gemeinde abgeben sollten. Sie wollte unter allen Umständen vermeiden, dass ihre Eltern davon erfuhren. Man fragt sich, was sie gemacht hätte, wenn Hester und ihre Mutter ihr nicht in dieser schweren Zeit ein Dach über dem Kopf angeboten hätten. Wäre sie am Ende doch nach Hause gefahren und hätte ihren Eltern gebeichtet? Oder wäre sie unter keinen Umständen dazu in der Lage gewesen und hätte etwas Verzweifeltes getan?«

Markby schüttelte den Kopf.

»Man hat mich gewarnt, dass Dr. Fitchett ein altes Klatschmaul wäre. Er ist genau das. Die Sache ist die – alles, was er zu erzählen hat, ist alt. Vielleicht hätte er die junge Freundin seiner Nichte vergessen, zusammen mit einer Menge anderer alter Geschichten, wenn ihm in den letzten dreißig Jahren irgendetwas Interessantes widerfahren wäre. Aber er lebt in der Vergangenheit, und sie ist für ihn realer als die Gegenwart.«

»Wer war der Vater?«, fragte der praktisch denkende Pearce.

»Ah. Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, was Dr. Fitchett uns erzählt hat. Ruth Pattinson wurde während ihres letzten Jahres an der Universität schwanger. Irgendwie ist es ihr gelungen, es bis zum Abschluss des Studiums zu verbergen und ihre letzten Prüfungen abzulegen. Doch sie zog ihre Freundin Hester Millar ins Vertrauen, weil sie Angst hatte, nach Hause zurückzukehren und ihren Eltern gegenüberzutreten. Hester hatte die Lösung. Sie nahm Ruth mit nach Yorkshire, wo ihre Mutter lebte, eine verständnisvolle Person, die Ruth bei sich aufnahm, bis das Baby geboren war. Ich weiß nicht, was sie Reverend Pattinson und seiner Frau erzählt haben, um Ruths fortgesetzte Abwesenheit zu erklären. Ich wage zu behaupten, dass die beiden Mädchen sich irgendeine Geschichte ausgedacht haben. Beispielsweise dass Hesters Mutter krank war und die beiden für sie sorgten. Das Kind wurde in Yorkshire geboren, und Dr. Fitchett glaubt, dass es sofort zur Adoption freigegeben wurde. Ruth kehrte nach Hause zurück, und niemand erfuhr etwas davon. Der alte Fitchett weiß nur deswegen etwas, weil seine Schwester ihre Zweifel hatte, ob das Täuschungsmanöver funktionieren würde, und ihn um seinen Rat gebeten hatte. Amyas Fitchett kannte sich aus mit seinen Studenten und den Schwierigkeiten, in die sie sich selbst immer wieder brachten. Er war außerdem mit Reverend Pattinson bekannt, der offensichtlich dazu neigte, lange Briefe über seine Forschungen bezüglich der einheimischen Mythologie an jeden unglückseligen Historiker zu senden, dessen Adresse er in die Finger bekam. Amyas betrachtete ihn als einen Spinner. Er sagte seiner Schwester, dass Ruths Zwangslage, falls ihre Eltern darüber informiert würden, nur noch schlimmer würde. Besser, wenn Ruth ihr Kind heimlich bekam und die Pattinsons nichts davon erfuhren. Mrs. Millar, zufrieden, dass ihr Bruder ihre Entscheidung gutgeheißen hatte, nahm Ruth bei sich auf. Amyas hat mir einen weiteren Grund für seine Entscheidung geliefert. ›Ein sehr intelligentes Mädchen, das einen guten Abschluss gemacht hatte‹, sagte er. ›Es gab keinen Grund, sie ihr Leben schon so früh wegwerfen zu lassen.‹«

Pearce dachte eine Weile darüber nach.

»Was hat das alles mit Hester Millars Tod zu tun?«, fragte er schließlich.

»Soweit wir bisher wissen – nichts. Doch es erklärt, warum Ruth ihre Freundin bei sich aufgenommen hat. Sie hatte eine Schuld zu begleichen.« Pearces Miene hellte sich auf.

»Vielleicht hat Hester Millar gedroht, sich an die Öffentlichkeit zu wenden und von Ruths Kind zu erzählen?«

»Nach fünfunddreißig Jahren? Was würde es heute noch für eine Rolle spielen? Außerdem, wem hätte sie es erzählen sollen? Es würde niemanden mehr interessieren, außer Sie und mich, Dave«, sagte Markby.

»Und das Kind«, konterte Pearce.

»Wo auch immer es jetzt sein mag. Vielleicht hat es Erkundigungen eingezogen. War es ein Junge oder ein Mädchen?«

»Dr. Fitchett meint, es wäre ein Junge gewesen, allerdings ist er nicht sicher.«

»Dann ist dieser Junge jetzt also … vierunddreißig, sagen Sie? Vielleicht hat er versucht, seine Mutter zu finden? Vielleicht ist er bis zu Hester Millar vorgedrungen. Vielleicht …« Pearce wurde aufgeregt.

»Vielleicht dachte er, Hester Millar wäre seine Mutter! Er stellte sie in der Kirche zur Rede und beschuldigte sie, ihn im Stich gelassen zu haben. Sie stritt alles ab und …«

»Beruhigen Sie sich, Dave«, empfahl ihm Markby.

»Das hier ist nicht East Lynne.«

»Wer ist das?«, fragte Pearce.

»Das ist der Titel eines Buches, Dave«, seufzte Markby.

»Eine Geschichte aus der viktorianischen Zeit, die zu einem erfolgreichen Bühnenstück umgeschrieben wurde und in der eine Zeile lautet: ›Tot, tot! Und niemals nannte er mich Mutter!‹ Die einzige Zeile, an die sich alle erinnern. Nun ja, genug davon. Wir dürfen über dem Mord an Hester Millar nicht die Knochen vergessen, die wir im Wald fanden. Vielleicht könnten wir uns für einen Augenblick darauf konzentrieren. Sie haben Dr. Grettons Bericht gelesen?« Pearce nickte.

»Wir tun unser Bestes, um die Herkunft dieser zahntechnischen Arbeiten zu bestimmen.« Er zögerte, während er mit der Zunge seinen eigenen schmerzenden Zahn betastete.

»Sie haben ebenfalls Probleme mit den Zähnen, Dave?«

»Nicht der Rede wert«, log Pearce.

»Gut. Also, überlegen wir doch einmal.« Markby zählte die Punkte an den Fingern ab.

»Erstens: Vor zweiundzwanzig Jahren hat der Kartoffelmann in Stovey Woods sein Unwesen getrieben. Zweitens: Die Knochen stammen von einem jungen Mann und liegen seit wenigstens zwanzig Jahren im Wald. Wir wissen, dass es sich nicht um ein weibliches Opfer des Kartoffelmanns handelt, also …«

»Sind die Knochen die Überbleibsel des Vergewaltigers?«, beendete Pearce den Gedankengang seines Chefs.

»Er verschwand von einem Tag auf den anderen, sagten Sie?«

»So ist es, aber wir dürfen keine voreiligen Schlüsse ziehen. Setzen Sie jemanden daran, Vermisstenmeldungen aus jener Zeit nachzugehen, zusätzlich zur Überprüfung dieser Zahnimplantate. Finden Sie heraus, ob vor zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren ein junger Mann in der Gegend verschwunden ist.«

»Junge Männer verschwinden andauernd irgendwo!«, sagte Pearce düster.

»Das ist, als würden wir nach einer Nadel im Heuhaufen suchen!« Und dann sah er plötzlich aus wie ein Mann, der wünschte, er hätte das Wort

»Nadel« nicht in den Mund genommen.

»Übrigens«, sagte Markby beiläufig an jenem Abend,

»Ruth hat nicht ganz die Wahrheit gesagt, als sie meinte, Hester hätte keine lebenden Angehörigen mehr. Wir haben einen alten Onkel von ihr aufgespürt.«

Meredith sah ihn verblüfft an, dann breitete sich Verwirrung in ihrem Gesicht aus.

»Oh? Nun ja, vielleicht wusste Ruth nichts von ihm.«

»Möglich. Oder Ruth hat einfach angenommen, angesichts der Tatsache, dass er einundneunzig ist und seit wenigstens siebenundzwanzig Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Nichte hatte, er wäre längst verstorben. Falls sie je von ihm gewusst hat. Oder …«, sinnierte Markby,

»oder sie wusste von ihm und wollte nicht, dass wir uns mit ihm unterhalten.«

»Aber warum denn nicht?« Als sie keine Antwort erhielt, setzte Meredith nach.

»Alan? Gibt es ein Geheimnis in Hesters Vergangenheit?«

»Ja und nein«, antwortete er aufreizend.

»Und es ist eine vertrauliche Information.«

»Möchtest du nicht, dass ich dir helfe?«

»Ich habe dir gesagt, dass ich dankbar bin für alles, was du Ruth aus der Nase ziehen kannst. Aber jetzt, nachdem wir erfolgreich den Onkel von Hester aufgespürt haben, ist das vielleicht gar nicht mehr nötig. Wir kommen auch ohne deine zweifellos hohen detektivischen Fähigkeiten zurecht.«

»Manchmal«, sagte Meredith ärgerlich,

»manchmal klingst du ganz entschieden selbstgefällig.«

»Das kommt daher, dass ich zufrieden bin mit mir, weil ich den alten Onkel von Hester gefunden habe. Oh, ich habe übrigens heute Ursula Gretton getroffen. Sie war es, die mich auf Hesters Onkel gebracht hat, über eine Kollegin von ihr. Ursula hat die Knochen aus Stovey Woods für uns datiert.«

»Ursula? Wie geht es ihr?«

»Sie hat einen neuen Job, allerdings, wie ich annehme, keinen neuen Freund in ihrem Leben.«

»Das ist wirklich eine Schande.« Meredith schüttelte den Kopf.

»Ja, es ist eine Schande. Ursula ist eine sehr attraktive Frau. Wir waren gemeinsam essen.« Markby fragte sich, ob er vielleicht übertrieb mit seinem beiläufigen Tonfall. Er fürchtete, allmählich idiotisch zu klingen.

»Ach? Tatsächlich. Nun, das ist nett.« Die rätselhafte Antwort verriet keinerlei Emotion. Ihre Blicke begegneten sich. In Merediths Augen stand ein fragender Ausdruck. Sie hat mich durchschaut!, dachte Markby.

»Und?«, fragte Meredith.

»Wie alt?«

»Wie alt was?«

»Der Tote. Die Knochen aus den Wäldern.« Markby gab seine vorgetäuschte Gelassenheit auf.

»Es sind die Knochen eines Mannes um die dreißig, und sie haben seit ungefähr zwanzig Jahren in Stovey Woods gelegen. Du weißt, wie Wissenschaftler sind. Sie lassen sich immer einen Spielraum, wenn sie etwas datieren. Die Knochen könnten drei- oder vierundzwanzig Jahre dort gelegen haben, aber wahrscheinlich nicht weniger als achtzehn oder neunzehn Jahre. Frag mich nicht, ob es die Knochen unseres Kartoffelmanns sind, weil ich es nicht weiß, verdammt!«

KAPITEL 10

»SIE SOLLTEN wirklich zum Arzt gehen mit Ihrem Zahn, Inspector«, sagte Ginny Holding am Dienstagmorgen tadelnd zu ihrem Boss.

»Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf wegen meines Zahns«, entgegnete Pearce.

»Sehen Sie lieber zu, dass Sie herausfinden, wer dieses Zahnimplantat in unserem Kieferknochen angefertigt hat. Der Superintendent will wissen, wer unser geheimnisvoller Mann aus den Wäldern war.«

»Ach, das«, sagte Ginny ungerührt.

»Ich glaube, da habe ich was gefunden.« Sie tippte auf ihrer Computertastatur.

»Erinnern Sie sich, dass Sie mich außerdem beauftragt hatten, nach verschwundenen Personen zu suchen?« Pearce schob sich näher heran und spähte auf den Bildschirm.

»Was haben Sie?« Sie deutete auf den Schirm.

»Simon Hastings. Er war fünfunddreißig, Botaniker, und machte einen Wanderurlaub.«

»Erzählen Sie mir nicht«, murmelte Pearce,

»dass er über die alte Viehtrift gewandert ist.«

»Ganz genau, und er war alleine unterwegs. Ich habe die Akte aus dem Archiv.« Sie klopfte auf einen Ordner auf ihrem Schreibtisch.

»Am Abend des dreiundzwanzigsten August ist er im Drovers’ Rest eingekehrt und hat ein Zimmer für die Nacht genommen. Das Drovers’ Rest ist ein Gasthof mitten im Nichts. Es gibt Zimmer für die Leute, die in ihrer Freizeit beim Wandern dort vorbeikommen. Robert und ich waren auch schon mal dort.« Robert war Ginnys Partner. Ein Polizeihundeführer mit dem Spitznamen

»Snapper«, doch niemand benutzte diesen Namen in Ginnys Gegenwart. Sowohl Snapper, pardon, Robert, als auch Ginny waren begeisterte Radfahrer. Pearce stellte sich die beiden vor, wie sie munter über die alte Viehtrift radelten.

»Netter Gasthof?«, fragte Pearce beiläufig. Er hatte das Fahrradfahren in dem Augenblick aufgegeben, als er alt genug gewesen war für ein Motorrad und dann für ein Auto. Nicht dass die Fahrmaschinen, die Snapper – er musste daran denken, von ihm als Robert zu reden – und Ginny fuhren, den abfälligen Namen Fahrrad verdient hätten. Es waren Produkte des Raumfahrtzeitalters.

»Ja«, antwortete sie munter.

»Es ist ein hübscher kleiner Gasthof. Er wurde Ihnen und Tessa gefallen, ganz bestimmt. Leider kommt man nicht mit dem Wagen hin. Er liegt gleich an der alten Viehtrift und ist hunderte von Jahren alt, richtig atmosphärisch. Sie wissen schon, so ein wenig unheimlich, lauter schiefe Wände. Die Art von Haus, wo man Geister erwartet. Man kann in der Nähe parken und von dort aus zu Fuß gehen, kein Problem. Sie haben doch einen Hund, oder?« Pearce fühlte sich vage verletzt angesichts der Andeutung, dass weder er noch Tessa irgendwo hingingen, wo sie nicht mit dem Auto vorfahren konnten, oder freiwillig einen Spaziergang unternahmen, wenn sie nicht von Henry begleitet wurden, dem Spürhund. Vielleicht sollten sie tatsächlich mehr für ihre Körperertüchtigung tun, er und Tessa. Tessa ging zu ihrem Aerobic-Kursus, sicher. Doch das hatte nichts mit frischer Luft zu tun. An einem der nächsten Wochenenden, sobald das Wetter schön wurde, würde er mit Tessa über die alte Straße wandern – wo sie wahrscheinlich von Snapper alias Robert und Ginny überholt werden würden, die auf ihren Maschinen laut klingelnd vorbeiradelten. Ginny war zum Thema zurückgekehrt und riss Pearce aus seinen Gedanken über Freizeitaktivitäten.

»Hastings war unverheiratet, allerdings hatte er sich kurze Zeit zuvor verlobt. Er führte an jenem Abend vom Drovers’ Rest aus zwei Telefongespräche. Eines davon mit seiner Verlobten. Sie unterhielten sich über die bevorstehende Hochzeit. Das andere Gespräch führte er mit seiner Mutter. Er berichtete beiden Frauen, dass es ihm gut ginge und dass er die Landschaft und die frische Luft genösse. Es gab nicht den geringsten Hinweis auf irgendwelche Probleme. Er sprach davon, seine Mutter zu besuchen, sobald er von seiner Wanderung zurück wäre. Am nächsten Morgen machte er sich wieder auf den Weg. Der Wirt sah ihn weggehen. Es war das letzte Mal, dass Hastings lebend gesehen wurde. Er verschwand spurlos, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Er ist nie wieder aufgetaucht. Es gab nie irgendeine Spur von ihm.« Pearces Interesse war erwacht, und für den Augenblick vergaß er den pochenden Schmerz in seiner Backe.

»Wo hat er gelebt?«

»Er kam aus London. Hier ist seine Adresse, in SE19. Das ist Wimbledon. Er arbeitete für eine Gesellschaft, die pflanzliche Schönheitsprodukte herstellt, und er besaß Aktien dieser Firma.«

»Der arme Bursche«, sagte Pearce mitfühlend.

»Diese Gesellschaften machen eine Menge Gewinn«, sagte Holding gut unterrichtet.

»Er hatte weder geschäftliche noch finanzielle Sorgen. Kein Grund also, ihn zu bedauern.«

»Prüfen Sie nach, ob seine Verlobte oder seine Mutter noch immer unter ihrer damaligen Adresse erreichbar sind«, grunzte Pearce.

»Die Verlobte ist inzwischen wahrscheinlich verheiratet und hat einen neuen Namen. Es könnte schwierig werden, sie aufzuspüren. Versuchen Sie es zuerst bei Hastings’ Mutter. Sie ist wahrscheinlich in den Siebzigern, aber sie führt noch den alten Namen. Wenn Sie die Mutter gefunden haben, fragen Sie sie, ob sie sich an den Namen seines Zahnarztes erinnert.«

»Ich habe übrigens einen sehr guten Zahnarzt an der Hand«, sagte Ginny Holding und zwinkerte ihm vertraulich zu.

»Danke sehr, Ginny, aber mit meinen Zähnen ist alles in Ordnung.«

Wie es sich manchmal ergab, führten zwei Ermittlungswege gleichzeitig zu neuen Erkenntnissen. Simons frühere Verlobte erwies sich als unauffindbar, genau wie Pearce es befürchtet hatte, doch Mrs. Hastings war leicht zu finden. Sie wohnte in Godalming und war seit dem Verschwinden ihres Sohnes nicht umgezogen. Sie erinnerte sich, dass er stets den Zahnarzt der Familie besucht hatte, eine Praxis in der Nähe, selbst nachdem er ausgezogen war und eine eigene Wohnung genommen hatte. Der Zahnarzt war inzwischen im Ruhestand, doch sein Sohn führte die Praxis weiter, und er hatte – unerwartetes Glück – einen Großteil der alten Unterlagen aufbewahrt. Sie ruhten in Kartons auf dem Dachboden. Eine gründliche Suche durch einheimische Beamte hatte nach dem Aufwirbeln von großen Mengen Staub Simon Hastings’ Patientenunterlagen zu Tage gefördert, vergilbt, doch vollständig. Als Resultat einer Verletzung beim Rugby hatte er umfangreiche zahnärztliche Arbeiten in Anspruch nehmen müssen, einschließlich eines Implantats der Sorte, die an einen kleinen Weihnachtsbaum erinnerte.

Zur gleichen Zeit wurde der Hersteller des charakteristisch geformten Implantats ausfindig gemacht sowie die Zahnklinik, in der die Operation durchgeführt worden war. Die Aufzeichnungen waren nicht weggeworfen worden, weil diese Art von Behandlung zur damaligen Zeit etwas Außergewöhnliches gewesen war. Noch immer wurden Röntgenaufnahmen von Simons Kiefer benutzt, um Studenten in Vorlesungen die Technik zu demonstrieren. Also hatten sie nun nicht nur die zahnärztlichen Unterlagen, sondern tatsächlich Röntgenaufnahmen der Zähne, die sie mit denen vergleichen konnten, die im Kieferknochen übrig geblieben waren. Der Vergleich war eindeutig.

»Das war es dann wohl«, sagte Pearce zu Markby.

»Unsere Knochen sind die Überreste des vermissten Wanderers Simon Hastings.« Er sah Markby beinahe entschuldigend an.

»Allerdings ist es wenig wahrscheinlich, dass er unser Kartoffelmann war, Sir. Ich meine, er lebte in London. Er war nur kurz in der Gegend, während seines Wanderurlaubs. Er konnte unmöglich während der ganzen Wochen zuvor in London seine Kräuterpackungen rühren und zugleich Stovey Woods durchstreifen auf der Suche nach einsamen Frauen. Ich habe die Daten der Angriffe überprüft. Ich dachte, wenn sie sich alle an diesem einen Wochenende ereignet haben, dann wäre es möglich, dass Hastings etwas damit zu tun hatte, doch so war es nicht. Einige ereigneten sich morgens, andere am Nachmittag. Die Frauen aus dem Dorf wurden unter der Woche überfallen, größtenteils spät am Tag. Das Gleiche gilt für die beiden jungen Frauen von außerhalb, die Wanderin und die Radfahrerin. Sie waren in der Ferienzeit in Stovey Woods und wurden an Wochentagen angegriffen. Tatsächlich scheint es so, als hätte der Vergewaltiger vermieden, am Wochenende zuzuschlagen. Was für einen Grund mag es dafür geben?«, schloss Pearce nachdenklich.

»Zu viele Leute, die ihre Freizeit dort oben verbringen«, sagte Markby knapp.

»Die Chance, dass eine Frau schreien und gehört werden konnte, war zu groß, oder dass der Täter gesehen wurde.«

»Oder er hatte eine Arbeit, der er an Wochenenden nachgehen musste. Wie dem auch sei …«, Pearce zuckte die Schultern,

»… Simon Hastings wäre damit ausgeschlossen. Er hat die Wochentage von morgens neun bis nachmittags um fünf in seinem Labor verbracht und daran gearbeitet, wie man verhindern kann, dass Frauen Falten im Gesicht bekommen.«

»Ich verstehe«, sagte Markby gereizt.

»Aber als Hastings verschwand, war auch der Kartoffelmann plötzlich nicht mehr da – erzählen Sie mir nicht, dass es keine Verbindung gibt. Wir wissen nur nicht, was für eine Verbindung das ist, das ist alles.« Nach einer kurzen Pause fügte er milde hinzu:

»Gute Arbeit, Dave. Und sagen Sie das bitte auch Holding.«

Die Gerichtsverhandlung zur Feststellung der Todesursache der Person, der die Knochen gehört hatten, war nach dem Fund eröffnet und sogleich wieder vertagt worden, um der Polizei die Möglichkeit zu eröffnen, weitere Ermittlungen anzustellen. Angesichts ihres Erfolgs wurde sie nun wieder anberaumt.

Am Abend vor dem festgesetzten Termin kam der böige Wind wieder auf, der abgeflaut war, als es angefangen hatte zu regnen, und er wehte bis in die frühen Morgenstunden. In Lower Stovey rauschte und raschelte er besonders wild durch die Straßen. Vielleicht war es das, was die Bewohner des Dorfes vom Schlaf abhielt, oder vielleicht waren es auch andere Dinge, die ihnen auf der Seele lasteten, während der Wind an den Dachschindeln rüttelte und in Schornsteine fuhr und sogar einen Baum am Rand von Stovey Woods entwurzelte.

Ruth Aston lag wach in ihrem Bett und lauschte dem Heulen des Windes in den Gesimsen von The Old Forge. An einem Punkt stand sie auf, um das Schlafzimmerfenster zu schließen, weil der Vorhang davor sich wie verrückt blähte und sich die Verriegelung des Fensterladens zu lösen und die Flügel aufzufliegen und krachend gegen die Außenwand zu knallen drohten.

Sie schloss das Fenster, und der Lärm ließ ein wenig nach. Draußen vor der Scheibe jagten die Nachtwolken über den Himmel, und der Garten und die Felder dahinter lagen in bleiches Mondlicht getaucht und von dunklem Wald eingerahmt. So direkt am Horizont vermittelte Stovey Woods das Gefühl, als wäre es eine dunkle Macht aus der Vergangenheit, eine finstere Identität. Ruth versuchte sich vorzustellen, wie der Wind durch die Bäume strich und morsches Geäst, Vogelnester und andere Dinge herunterwehte. Ein altes Kinderlied kam ihr in den Sinn. Wenn der Ast bricht, kippt die Wiege, herausfällt das Baby, aus seiner Liege. Irgendetwas würde heute Nacht fallen. Sie spürte es deutlich in diesem Wind, hörte es in seinen Geräuschen, eine Macht, die jeden Schleier beiseite wehen und alte Geheimnisse aufdecken würde, kleine und große ohne Unterschied.

Sie wusste, dass sie angesichts der bevorstehenden Gerichtsverhandlung etwas unternehmen musste, und sie wusste auch, dass ihr der Mut dazu fehlte. Sie fühlte sich ganz elend, als sie ins Bett zurückkehrte.

Billy Twelvetrees lag in seinem Cottage wach und fragte sich, ob das verrottete Stroh über seinem Kopf dem Wind widerstehen würde. Das Dach musste dringend komplett neu eingedeckt werden. Doch der Eigentümer, Jones, der seine Farm unterhalb von Stovey Woods hatte, weigerte sich standhaft, die Arbeiten in Auftrag zu geben. Wenigstens hatte er das Drahtnetz über das Dach spannen lassen, um es zusammenzuhalten. Vermieter sind verpflichtet, ihren Besitz auf angemessene Weise in Schuss zu halten, brummte Billy in Gedanken zu sich selbst. Doch er war nicht in der Position, sich mit Jones zu streiten. Jones konnte ihn jederzeit auf die Straße setzen, wenn er wollte. Natürlich hatte er versprochen, hoch und heilig versprochen, dass Billy hier bis zu seinem Tod leben durfte oder bis er in ein Altersheim gehen musste – was Billy niemals tun würde. Eher ließe er sich hängen. Doch mit Versprechen war das so eine Sache. Sie wurden oftmals im entscheidenden Augenblick vergessen, und Jones erhöhte möglicherweise die Miete, die zurzeit marginal war, bestenfalls. Billy hatte sein ganzes Leben lang für die Jones gearbeitet, dachte er jetzt ärgerlich. Für diesen Jones, der früher der junge Kevin gewesen war, und davor für Old Martin Jones, Kevins Vater, der zwar noch am Leben war, aber nicht mehr selbst Hand anlegen konnte. Und das war das Problem. Das Versprechen hatte Martin gegeben. Die Entscheidungen heute wurden von Kevin getroffen.

Der Lärm des Sturms machte Old Billy unruhig. Er konnte kaum das Ticken seines alten mechanischen Weckers auf dem Nachttisch neben dem Bett hören. Das Ächzen des Dachgebälks reichte nicht ganz, um das Schnarchen seiner Tochter in ihrem Zimmer auf der anderen Seite des Flurs zu übertönen. Es brauchte mehr als einen kleinen Sturm, um Dilys wachzuhalten. Sie schlief tief und fest wie ein Murmeltier. Eine weitere Windbö ratterte an den verwitterten Fensterrahmen. Billy zog sich die Bettdecke über den Kopf und erging sich in erbitterten Gedanken an Kevin Jones, bis er endlich eingeschlafen war.

Norman und seine Frau lagen beide wach im kleinen Schlafzimmer ihrer Wohnung über dem Fitzroy Arms. Sie stritten heftig, doch in gedämpftem Tonfall, als könnte jemand ihre Worte belauschen oder als könnte der Wind sie davontragen in den nächtlichen Himmel, wo jeder sie hörte. Nach einer Weile begann Evie auf wenig attraktive Weise zu weinen und zu schniefen, und Norman forderte sie auf, mit dem Lärm aufzuhören, Herrgott noch mal!

Sie murmelte abweisend wie jemand, der wusste, dass sein Standpunkt niemals berücksichtigt wurde:

»Das ist alles ganz allein deine Schuld. Du hast überhaupt keinen Grund, mir einen Vorwurf zu machen! Sie werden es rausfinden!«

»Nein, das werden sie verdammt noch mal nicht, wenn du ihnen nichts erzählst!«

»Es ist widerlich! Auch noch in der Kirche!«

»Es war nicht in der Kirche«, sagte Norman müde.

»Es war

im Turm.«

»Der gehört ja wohl zur Kirche, oder nicht? Und dieses dumme Ding, dieses schlechte! Jung genug, um deine Tochter zu sein!«

»Hör doch endlich auf damit!«, giftete Norman.

»Wir hatten ein wenig Spaß, das ist alles!«

»Sie könnte schwatzen.«

»Sei nicht dumm. Wem sollte sie es denn erzählen?«

»Kids prahlen nun mal gerne! Sie erzählen sich gegenseitig Dinge, die du niemals erzählen würdest, weil du kein Kind mehr bist«, sagte Evie gereizt.

»Sex in der Kirche, das ist mit Sicherheit etwas, womit man angeben kann!« Norman wiederholte, dass sie nicht dumm sein sollte, doch er klang weniger selbstsicher als zuvor.

»Ich rede mit ihr.«

»Wenn du das tust«, sagte Evie mit einer Weisheit, die Norman verblüffte,

»dann wirst du sie niemals los! Dann hat sie dich in den Klauen wie eine Katze einen Vogel. Dann weiß sie ganz genau, wie viel Angst du hast!«

»Ich bringe es in Ordnung, glaub mir! Und jetzt schlaf endlich!«

»Oh, sicher. Genau wie du alles andere in Ordnung gebracht hast, wie?«, lautete die sarkastische Antwort.

»Du hast dich in jeden nur denkbaren Schlamassel gebracht, und hast du je irgendwas davon in Ordnung gebracht?«

»Das habe ich dir doch gesagt! Es gibt nichts, womit man mich belasten könnte, absolut nichts!« Ein Schniefen und dann ein Themawechsel.

»Hey, was wollte die Polizei eigentlich von Dilys und Onkel Billy?«

»Woher soll ich das wissen? Wirst du jetzt endlich den Mund halten oder was?«, brüllte Norman. Evie wusste, dass der Zeitpunkt gekommen war, die Unterhaltung abzubrechen, bevor Norman seine Fäuste benutzte. Doch sie spürte auch, dass sie endlich einmal im Vorteil war.

»Jung genug, um deine Tochter zu sein …«, murmelte sie erneut, gefolgt von:

»… nicht die geringste Ahnung, was so ein junges Ding an einem glatzköpfigen alten Kerl wie dir findet …« Und dann, triumphierend:

»Sex in der Kirche! Dafür kommst du in die Hölle!«

»Dann sehen wir uns ja dort«, lautete die Antwort seitens des liebenden Ehemanns. In diesem Augenblick kippte eine Mülltonne um und rollte vom Wind getrieben über den Parkplatz vor dem Pub. Evie schrie erschrocken auf. Am nächsten Morgen war die Hauptstraße übersät mit Reet von Dächern, Zweigen, Blättern und dem Abfall aus der Mülltonne. Der Rest lag verstreut auf dem Parkplatz vor dem Fitzroy Arms. Norman benötigte alles in allem eine gute Stunde zum Kehren. Drüben auf dem Kirchhof war der Steinengel noch schiefer als zuvor. Doch der Sturm hatte aufgehört, und in der darauf folgenden Stille fragten sich die Bewohner von Lower Stovey, was als Nächstes kommen würde.

Angesichts der Umstände hätte die Gerichtsverhandlung zur Feststellung der Todesursache von Simon Hastings eine Routineangelegenheit sein sollen, besucht von einer Hand voll betroffener Parteien, und nur wenige Minuten dauernd. Doch Lower Stovey war nach Hesters Tod in den Medien. Die Presse, die eine Story witterte, tauchte in Scharen auf, hauptsächlich lokale Zeitungen, doch es gab auch Vertreter von wenigstens zwei nationalen Boulevardblättern und einer überregionalen Tageszeitung. Die Journalisten hatten ihre Hausarbeiten gemacht, wie Markby rasch herausfand, und die zweiundzwanzig Jahre zurückliegenden Berichte über die Vergewaltigungen ausgegraben.

»Glauben Sie, dass die sterblichen Überreste die des Kartoffelmanns sind, Superintendent?«, fragte ein Dutzend eifriger Stimmen, während Markby sich einen Weg in den Saal bahnte, in dem die Verhandlung stattfinden sollte.

»Das hier ist eine einfache gerichtliche Untersuchung und nichts weiter«, blaffte er zurück. Der Saal war nicht sonderlich groß und angesichts der Presse und jener, die sich von allen derart grausigen lokalen Ereignissen angezogen fühlten, war er gerammelt voll. Markby blickte sich um und sah, dass Lower Stovey eine richtiggehende Abordnung entsandt hatte. Der Wirt des Fitzroy Arms war anwesend, das ohnehin finstere Gesicht einzigartig angemessen für dieses Ereignis. Ein wenig abseits saß Muriel Scott. Markby war überrascht, Ruth Aston ebenfalls zu sehen, die direkt neben Muriel saß. Was mochte Ruth hergeführt haben? An diesem Punkt tauchte ein weiterer Bewohner des Dorfes aus Richtung der Damentoilette auf, den Markby nicht erwartet hätte, und nahm unsicher neben Norman, dem Wirt, Platz. Dilys Twelvetrees, dachte Markby, was um alles in der Welt macht sie hier? Sie trug, wovon er annahm, dass es sich um ihre beste Garderobe handelte. Die Farbe Lila kontrastierte ungünstig mit ihren lachsrot gefärbten Haaren. Der Mantel war an den Säumen abgewetzt, doch sorgfältig gebürstet und mit einer Brosche aus falschen Edelsteinen verziert. Norman nahm keine Notiz von ihr, doch es schien offensichtlich, dass sie mit ihm hergekommen war. Sie waren, erinnerte sich Markby, schließlich Cousin und Cousine. Die Ankunft einer gut gekleideten Dame mit zierlichem Körperbau und fachmännisch frisiertem silbergrauem Haar lenkte Markby von den Einwohnern von Lower Stovey ab. Sie ging ganz nach vorn im Saal und setzte sich kerzengerade hin, die Augen unverwandt auf den Coroner fixiert, mit Ausnahme der kurzen Zeit, in der Guy Morgan schilderte, wie er die Knochen entdeckt hatte. Danach senkte sie den Blick und starrte auf die Handschuhe, die sie ausgezogen und fest umklammert im Schoß hielt. Pearce machte seine Aussage, was die Identität des Toten anging. Angesichts der Tatsache, dass es keinerlei Hinweise auf eine Einwirkung seitens Dritter gab, schloss der Coroner, dass Simon Hastings entweder eines natürlichen Todes gestorben war oder einen Unfall erlitten hatte. Er wies auf den Beruf des Toten hin und darauf, dass er möglicherweise mit einer botanischen Untersuchung beschäftigt gewesen war, was die Fundstelle der Knochen abseits der Wege erklären mochte. Hernach räusperte sich der Coroner und wandte sich an die anwesende Presse mit den Worten:

»Wenn ich recht informiert bin, hat es von bestimmten Seiten Versuche gegeben, diese unglückliche Begebenheit mit einem alten, ungelösten Kriminalfall in Verbindung zu bringen. Ich betone hiermit ausdrücklich, dass das Gericht keinerlei Beweise für einen solchen Zusammenhang finden konnte und dass unqualifizierte Spekulationen in dieser Richtung der Familie des Opfers unnötig Schaden zufügen würden.« Nachdem der Coroner den Saal verlassen hatte, erhob sich lautes Stimmengewirr. Pearce ging zu Guy Morgan und dankte ihm für seine Aussage. Guy blickte an ihm vorbei zu jemand anderem, doch dann wandte er sich höflich wieder an Pearce.

»Das macht doch überhaupt nichts, Inspector«, sagte er.

»Ich bin froh, dass Sie den Toten identifizieren konnten. Verraten Sie mir doch, wer diese vornehm aussehende ältere Dame ist?« Pearce warf einen Blick in die angedeutete Richtung und antwortete leise:

»Die Mutter.«

»Oh … das dachte ich mir«, sagte Morgan.

»Mir ist aufgefallen, als ich meine Aussage gemacht habe, dass sie mich einmal genau angesehen und dann auf ihre Hände gestarrt hat. Ich konnte sehen, dass es schmerzlich war für sie, meinen Worten zu lauschen. Ich bin froh, dass sie nicht ebenfalls in den Zeugenstand musste.«

»Das war unnötig angesichts der Umstände«, sagte Pearce zu ihm.

»Nachdem wir die zahntechnischen Arbeiten im Kiefer identifiziert hatten, wussten wir, dass es sich bei dem Toten um Simon Hastings handeln musste.«

Markby hatte sich umgedreht und Ruth Aston beobachtet, doch jetzt war sie zusammen mit Muriel Scott auf der Damentoilette verschwunden. Die ältere Frau, die ihm vorhin aufgefallen war, näherte sich ihm. Die Mutter, dachte er. Er musste ein paar Worte zu ihr sagen.

Sie sprach zuerst.

»Wenn ich mich nicht irre, sind Sie Superintendent Markby.« Ihre Stimme klang gebildet, würdevoll und angenehm. Als er seine Identität bestätigte, fuhr sie fort:

»Ich bin Daphne Hastings, die Mutter von Simon.«

»Ja. Inspector Pearce hat Sie mir gezeigt. Es tut mir sehr Leid«, fuhr Markby fort.

»Es muss ziemlich schlimm gewesen sein für Sie.«

Ein Muskel zuckte auf der stark gepuderten Wange.

»Es war ausgesprochen schlimm für mich, Superintendent, mehr als zwanzig Jahre lang. Seit mein Sohn spurlos verschwunden ist.«

»Sind Sie aus Godalming hergekommen?«, fragte er unvermittelt.

»Hören Sie, hätten Sie Lust auf eine Tasse Kaffee? Es gibt ein kleines Café ein Stück die Straße hinunter.«

»Danke sehr.« Sie nickte leicht.

»Ich denke, eine Tasse Kaffee würde mir jetzt gut tun. Es war eine lange Reise hierher; ich musste in London umsteigen.«

Markby war erfreut, das Café halb leer vorzufinden – und besonders erfreut, dass keiner der Journalisten, die bei der Gerichtsverhandlung gewesen waren, den Weg hierher gefunden hatte. Sie saßen wahrscheinlich alle im Pub. Das Café war die Sorte von Lokal, wo man zum Tresen ging und sich selbst aussuchte, was man essen und trinken wollte. Er führte Mrs. Hastings zu einem Platz in einer Ecke und ging dann nach vorn, um den Kaffee zu holen. Als er mit den Tassen zum Tisch zurückkam, hatte sie ihre schwarzen Wildlederhandschuhe ausgezogen und ordentlich über die Handtasche gehängt. Sie hatte ihren Mantel aufgeknöpft, ohne ihn auszuziehen. Markby konnte erkennen, dass sie darunter ein schwarzes Kleid trug und eine Perlenkette, die echt zu sein schien. Er überlegte abwesend, ob Mrs. Hastings diese Trauerkleidung getragen hatte, seit die Überreste ihres Sohnes gefunden worden waren, oder ob sie bereits seit einer Reihe von Jahren zu seinem Gedenken Schwarz trug.

Sie bedankte sich für den Kaffee, nahm einen Löffel und begann in der Tasse zu rühren.

»Ich möchte meinem Sohn ein anständiges Begräbnis geben«, sagte sie.

»Ich habe bereits mit dem Büro des Coroners gesprochen. Man hat dort keine Einwände, dass ich die … dass ich Simon mitnehme.« Sie lächelte spröde.

»Ich hatte den Eindruck, dass man dort froh war, weil jemand die Verantwortung übernahm. Die junge Frau, mit der ich gesprochen habe, schlug vor, dass ich mich zuerst mit Ihnen in Verbindung setzen soll, mit der Polizei. Benötigen Sie die …?« Sie brach ab und sah Markby fragend an. Er erkannte die Tragödie in ihren Augen.

»Nein, wir benötigen nichts mehr«, sagte Markby rasch.

»Selbstverständlich dürfen Sie die … die sterblichen Überreste Ihres Sohnes mit nach Godalming nehmen. Ich denke, Sie möchten ihn dort beerdigen?« Sie nickte, und Markby fuhr fort:

»Ein einheimischer Bestatter wird die notwendigen Arrangements für die Überführung erledigen. Ich empfehle Jenkins auf dem Market Square. Er ist sehr ordentlich.«

Sie schien noch immer unwillig, von ihrem Kaffee zu trinken, und bevor sie ihre Tasse nicht gehoben hatte, wollte er ebenfalls nicht trinken.

»Ich weiß …«, sagte sie mit der Stimme von jemandem, der sich dazu zwang, schmerzvolle Dinge zu sagen.

»Ich weiß, dass ich nicht den vollständige Leichnam meines Sohnes habe, sondern nur ein paar Knochen. Aber es sind Simons Knochen, und ich habe etwas zu beerdigen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie schwer es gewesen ist, überhaupt nichts zu wissen. Man hofft die ganze Zeit, all die Jahre, verstehen Sie? Solange es keine Leiche gibt, dass irgendwie, irgendwo, eines Tages … Man tröstet sich mit Erklärungen von Amnesie, Entführung, Nervenzusammenbruch … irgendwas, wie unwahrscheinlich auch immer, das verantwortlich ist für sein Verschwinden. Das ist der Grund, warum ich mein Haus nie verkauft habe. Ich dachte törichterweise, dass er vielleicht eines Tages nach Hause zurückkehren und ich nicht mehr dort sein würde und Fremde ihm die Tür öffnen würden. Also bin ich geblieben.«

»Mrs. Hastings«, begann Markby tief bewegt.

»Ich wünschte, wir hätten Ihren Sohn früher gefunden. Ich habe in den Akten nachgesehen. Die Polizei hat die gesamte Gegend gründlich abgesucht, nachdem er verschwunden war. Doch das Gebiet ist stark bewaldet, und wir wussten nicht genau, wo … Der Ort, an dem die Knochen gefunden wurden, ist höchstwahrscheinlich nicht der gleiche Ort, an dem Ihr Sohn starb. Ich weiß nicht, warum seine Leiche damals nicht gefunden wurde. Ich weiß nur, dass wir damals alles versucht haben.«

Ja, verdammt! Sie hatten es versucht, aber sie hatten ihn nicht gefunden. Warum nicht?, fragte sich Markby ärgerlich. Natürlich war es eine schwierig abzusuchende Gegend gewesen. Wenn die Knochen durch Tiere bewegt worden waren, wie es der Fall zu sein schien, dann konnte Simon irgendwo entlang diesem alten Weg gestorben sein oder in den Wäldern zur Rechten und Linken davon. Gab es vielleicht einen anderen, unheilvolleren Grund, dass der Tote damals nicht aufgefunden worden war? Lag es vielleicht daran, dass sich jemand anders viel Mühe gegeben hatte, ihn irgendwo in Stovey Woods zu begraben? Und warum, warum verdammt hatten die Angriffe durch den Kartoffelmann damals aufgehört, genau zum Zeitpunkt von Simon Hastings’ Verschwinden?

Endlich nahm Mrs. Hastings einen Schluck von ihrem Kaffee, und Markby konnte ebenfalls trinken.

»Es wird eine große Erleichterung sein«, sagte sie,

»dass ich nun endlich ein Begräbnis durchführen kann. Natürlich wusste ich im Herzen, dass er schon seit einer Weile von Jahren tot sein musste. Doch man kann nicht trauern ohne ein Begräbnis. All das, obwohl es ein Schock ist, war zugleich eine Erlösung. Ich denke, heute Nacht werde ich zum ersten Mal seit zweiundzwanzig Jahren tief und fest schlafen, Superintendent.« Die Tür zum Café öffnete sich, und zwei weitere Gäste kamen herein – zwei Frauen. Markby blickte hin und erkannte Muriel Scott und Ruth Aston. Er war sicher, dass sie weder ihn noch Daphne Hastings gesehen hatten. Die beiden Neuankömmlinge berieten sich kurz, und Muriel ging zur Theke. Ruth blickte sich nach einem freien Tisch um und bemerkte nun endlich auch, wer sonst noch im Lokal war. Sie errötete, zögerte und kam dann zu Markby und Mrs. Hastings. Sie warf einen schuldbewussten Blick auf den Superintendent und wandte sich an seine Begleiterin.

»Mrs. Hastings? Sie kennen mich nicht – ich bin Ruth Aston, und mein Mädchenname ist Pattinson. Ich war zur gleichen Zeit Studentin wie Ihr Sohn. Es tut mir sehr Leid.«

»Sie kannten Simon?« Mrs. Hastings’ Miene hellte sich auf.

»Nehmen Sie doch bitte Platz.«

»Nun ja, ich bin mit einer Freundin gekommen …« Ruth deutete in Richtung von Muriel Scott.

»Ich wollte nur mein Beileid wünschen.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, meine Liebe.« Mrs. Hastings streckte eine Hand aus und legte sie auf Ruths Unterarm. Markby meinte zu bemerken, dass Ruth bei der Berührung zusammenzuckte. Überhaupt schienen ihre Nerven ziemlich blank zu liegen. Tiefe Ringe unter den Augen verrieten ihm, dass sie nicht gut geschlafen hatte. Ihre Gesichtsfarbe war kränklich blass.

»Simon war ein brillanter Student, nicht wahr?«, sagte Mrs. Hastings. Sie wandte sich an Markby.

»Und er war sehr beliebt. Alle mochten ihn. Als er fertig studiert hatte und zu arbeiten anfing, war er ebenfalls erfolgreich. Alles sah danach aus, als hätte er eine goldene Zukunft vor sich.« Sie verstummte unvermittelt.

»Ja, er war ein brillanter Student«, murmelte Ruth.

»Ich sehe, dass meine Freundin mit dem Kaffee kommt. Bitte entschuldigen Sie mich.« Sie zog sich zurück.

»Ich muss jetzt gehen«, sagte Daphne Hastings Sekunden später. Sie klang plötzlich sehr erschöpft.

»Ich muss diesen Bestatter aufsuchen, Jenkins, sagen Sie?«

»Ich bringe Sie hin«, erbot sich Markby. Sie schüttelte den Kopf.

»Sie haben mir bereits genug von Ihrer Zeit geopfert. Ich bin sicher, dass ich den Bestatter finden kann. Ist es weit von hier bis zum Market Square?«

»Nein, er liegt am Ende dieser Straße. Wie kommen Sie zurück nach Godalming?«

»Ich bin mit dem Zug hierher gekommen«, antwortete sie.

»Sobald ich alles mit dem Bestatter geregelt habe, werde ich zum Bahnhof gehen. Es gibt reichlich Züge nach London in der frühen Abendzeit, wenn ich recht informiert bin.« Sie zog ihre schwarzen Lederhandschuhe über und glättete jeden Finger einzeln.

»Sie sind eine sehr mutige Frau«, hörte Markby sich plötzlich sagen. Sie hielt mit der rhythmischen Bewegung des Glattstreichens inne und blickte auf, die Augenbrauen erhoben und das Gesicht zu einem angedeuteten Lächeln verzogen.

»O nein, Superintendent«, sagte sie.

»Überhaupt nicht. Sie hatten Recht, als Sie meinten, der heutige Tag wäre eine große Belastung für mich. Als dieser junge Arzt seine Aussage machte, war es zu schmerzhaft für mich, ihn auch nur anzusehen. Nicht, weil er beschrieb, wie er Simons Knochen fand, wofür ich ihm sehr dankbar bin, sondern weil er ungefähr in Simons Alter war, bevor Simon verschwand. Er war ungefähr von Simons Größe und Statur, und er war wandern, genau wie Simon damals. Er war genauso ein junger Mann wie mein Sohn, in jeder Hinsicht. Es war, als hätte ein Geist zu uns gesprochen.« Er öffnete ihr die Tür und sah ihr hinterher, wie sie zielstrebig mitten auf dem Bürgersteig die Straße hinunterging in Richtung Market Square. Seine Unterhaltung mit Ursula Gretton fiel ihm ein, und seine Gedanken an gebrochene Herzen. Mrs. Hastings hatte mehr als zwanzig Jahre lang erfolgreich eine tapfere Fassade aufrechterhalten. Ganz gleich, was sich auch darunter verbergen mochte, ihr Herz war gebrochen. Er wollte das Café ebenfalls verlassen, doch dann hörte er, wie sein Name gerufen wurde, und wandte sich um. Ruth Aston war vom Tisch aufgestanden, an dem sie mit Muriel Scott saß, und kam ihm hastig hinterher.

»Mr. Markby«, sagte sie mit leiser, drängender Stimme.

»Ich muss mit Ihnen sprechen, aber nicht im Beisein von Muriel. Ich möchte nicht zu einer Polizeiwache gehen. Können Sie bei mir zu Hause vorbeikommen? Und könnten Sie vielleicht Meredith mitbringen?«

»Ja, selbstverständlich«, sagte Alan.

»Wir kommen heute Abend vorbei, wäre Ihnen das recht?«

»Danke sehr.« Sie wand sich verlegen.

»Verstehen Sie«, sagte sie dann,

»ich glaube, dass ich vielleicht gegen das Gesetz verstoßen habe.«

KAPITEL 11

»WAS MAG SIE wohl gemeint haben?«, fragte Meredith, während sie am Abend in Richtung Lower Stovey fuhren.

»Hat sie dir überhaupt keinen Hinweis gegeben?« Es war noch relativ früh, doch die Straße war kaum befahren. Sie schienen Glück gehabt und den Zeitpunkt getroffen zu haben, nachdem die Menschen von der Arbeit nach Hause fuhren und bevor sie zu abendlichen Unternehmungen aufbrachen. Meredith betrachtete Alan von der Seite. Er sah ein wenig müde und definitiv ernst aus. Sensibel, was Veränderungen seiner Stimmung anging, bemerkte sie seine innere Anspannung und seine wenig erfolgreichen Versuche, sie vor ihr zu verbergen. Sie war im Zug von der Arbeit nach Hause gewesen, als sie seinen Anruf auf ihrem Mobiltelefon entgegengenommen hatte. Er hatte vorgeschlagen, zu ihrem Haus zu kommen und, falls sie Lust hatte, mit ihr gemeinsam zu Ruth zu fahren, die um einen Besuch gebeten hatte. Er würde ihr alles Weitere erklären, sobald er bei ihr wäre.

»Natürlich komme ich mit«, hatte sie sofort geantwortet. Sie hatte kaum Zeit gehabt, um sich für den Abend umzuziehen und mit einer Bürste durch die dichten braunen Haare zu gehen, dankbar für den Pagenkopf, der nur wenig Aufwand verursachte. Er war bei ihr eingetroffen, gerade als sie sich den Mund an einer Tasse zu heißen Instant-Kaffees verbrannt hatte. Im Wagen hatte er sie kurz über den Ablauf der Gerichtsverhandlung informiert und über sein Treffen mit Daphne Hastings und die Begegnung mit Ruth Aston im Café und ihre Bitte. Als Antwort auf Merediths Frage sagte er nun:

»Nicht direkt, nein. Doch da dieser Drang zu einer Beichte durch die Gerichtsverhandlung aufgekommen zu sein scheint, nehme ich an, dass es irgendetwas damit zu tun hat. Sie legte sehr viel Wert darauf, dass ich dich mitbringe.« Markby verlangsamte seine Fahrt, als sie sich der Abzweigung näherten, die nach Lower Stovey führte.

»Vielleicht sollte ich noch etwas erwähnen, bevor wir bei Ruth ankommen. Es ist absolut nicht erforderlich, Ruth gegenüber anzudeuten, dass ich mit dir darüber gesprochen habe, sollte das Thema nicht aufkommen, doch ich vermute stark, dass es aufkommen wird, und ich möchte, dass du vorbereitet bist.« Während er auf die schmale Straße abbog und sie über die unebene, schlaglochübersäte Fahrbahn zwischen den hohen Hecken holperten, erzählte er ihr von Ruths Baby.

»Ich habe vorher nicht davon gesprochen, weil es eine vertrauliche Information ist«, fügte er entschuldigend hinzu.

»Das kann ich mir denken!«, erwiderte Meredith indigniert.

»Aber warum sollte Ruth jetzt darüber reden wollen?«

»Weil sie erfahren hat, dass wir bei Dr. Fitchett waren, und weil es unfair und unklug wäre, sie im Zweifel zu lassen, ob der alte Bursche nun die Katze aus dem Sack gelassen hat oder nicht. Und weil ich vermute, dass Simon Hastings der Vater ihres Kindes war. Falls dem so ist, dann muss ich Ruth die Frage stellen, wo sie an jenem Wochenende war, als er verschwand.«

»Das ist so lange her – wie kann man da erwarten, dass sie sich erinnert?«, fragte Meredith empört.

»Alan, sei vorsichtig, um Himmels willen. Die arme Frau glaubt wahrscheinlich, dass du sie bereits als Hesters Mörderin im Visier hast. Pass auf, dass du sie nicht auf den Gedanken bringst, du könntest sie für einen weiteren Mord verantwortlich machen.«

»Das glaube ich nicht. Ich habe dir bereits gesagt, ich habe noch überhaupt keinen Verdacht. Wir wissen nicht, wie Simon Hastings starb. Ich beobachte lediglich und mache mir gedankliche Notizen, die ich in einer Ecke meines Gehirns aufbewahre. Beispielsweise habe ich mir notiert, dass zwei Leute in der Gegend von Lower Stovey gestorben sind und dass beide irgendwie mit Ruth Aston in Verbindung standen. Doch das ist für den Augenblick alles. Nichts weiter als eine gedankliche Notiz. Wenn ich dich daran erinnern darf, es war Ruth, die sich mir anvertraut und gesagt hat, dass sie glaubt, möglicherweise gegen das Gesetz verstoßen zu haben.« Meredith wurde an einer Antwort gehindert, denn in diesem Moment kam ihnen ein Traktor entgegen. Die Böschung zu beiden Seiten der Straße war steil, und es gab nicht genügend Raum zum Ausweichen. Alan war gezwungen zurückzusetzen, bis er eine Stelle erreichte, die breit genug war, um auf den Seitenstreifen zu lenken und den Traktor passieren zu lassen. Das schwere Gefährt rumpelte mit seinen vor Schlamm starrenden riesigen Reifen an ihnen vorüber. Es wurde von einem wettergegerbten Mann in einem Pullover und einer abgerissenen Mütze gesteuert, der zum Dank lakonisch die Hand hob.

»Kevin Jones«, sagte Markby.

»Ich war vor zweiundzwanzig Jahren draußen auf der Farm der Jones’, als wir wegen der Vergewaltigungen ermittelt haben. Es war reine Routine, keine besondere Veranlassung oder so. Wir waren auf sämtlichen Farmen und wollten wissen, ob die Bauern irgendwelche Spuren von Landstreichern gesehen hatten. Damals führte Martin Jones den Betrieb, der Vater von Kevin. Kevin war ebenfalls dort und wartete wohl darauf, die Farm zu übernehmen, nachdem sein Vater sich zur Ruhe gesetzt hatte. Das ist inzwischen wohl der Fall, denn Martin Jones muss …«, Markby legte die Stirn in Falten, als er rechnete,

»… Martin Jones muss heute wenigstens siebzig sein. Kevin ist um die vierzig. Damals war er ein junger Mann in den Zwanzigern und wütend, weil er den Betrieb nicht so leiten durfte, wie er wollte. Ich bin ihm seit damals ein paar Mal begegnet. Ich gewann den Eindruck, dass er inzwischen die Leitung der Farm übernommen hat.«

»Er sah älter aus als vierzig auf diesem Traktor«, bemerkte Meredith.

»Nicht, dass ich ihn besonders gut gesehen hätte.«

»Landwirtschaft ist heutzutage ein hartes Geschäft, und die Farmer haben eine Menge Sorgen. Ich frage mich, ob Kevin heute noch so darauf erpicht ist, die Farm zu leiten, wie er es damals war«, entgegnete Alan trocken.

»Vielleicht waren wir damals alle eifriger in unseren erwählten Berufen. Ich war auch erst fünfundzwanzig.«

»Du wurdest früh zum Inspector ernannt«, stellte Meredith fest.

»Sie glaubten wahrscheinlich, ich wäre viel versprechend.« Er grinste.

»Und sie hatten Recht damit!« Er schnaubte abfällig.

»Tatsächlich? Der erste Fall, den sie mir übergaben, war der Kartoffelmann, und ich habe ihn nicht gelöst. Wir fanden nicht einmal einen Verdächtigen damals. Einige von den Lamettahengsten haben damals meine Beförderung sicher bereut.« Sie waren in Lower Stovey angekommen. The Old Forge sah einladend aus in der untergehenden Abendsonne. Die letzten Strahlen fielen auf die Fenster im oberen Stockwerk und ließen sie glänzen, und selbst der Garten, übersät mit Blättern vom Sturm der vergangenen Nacht sah friedvoll aus. Doch es war offensichtlich, dass Ruth nicht im Frieden mit sich war. Sie begrüßte Markby und Meredith nervös mit unruhigen Händen und hastigen Worten.

»Kommen Sie doch herein. Tut mir Leid, wenn ich dränge, doch die Nachbarn haben wahrscheinlich beobachtet, wie Sie gekommen sind. Ich hab nie was auf das Geschwätz der Leute gegeben, aber heute ist das nicht mehr so.« Sie drängte Markby und Meredith vor sich her in Richtung der Kaminecke, wo Sessel um einen kleinen Tisch herum standen. Auf dem Tisch befand sich ein Tablett mit einer Flasche Sherry und Gläsern.

»Das ist leider alles, was ich habe«, sagte Ruth entschuldigend.

»Außer Wein, heißt das.«

»Sherry ist sehr gut, danke sehr«, antwortete Alan.

»Soll ich uns die Gläser füllen?« Sie lächelte ihn zaghaft an und kicherte leise.

»Ist es so offensichtlich, dass meine Finger vor Nervosität zittern?«

»Sie sehen zumindest aus, als würde Ihnen etwas auf der Seele liegen, Ruth«, antwortete Meredith.

»Das tut es in der Tat. Sie wären wohl kaum hier, wäre es anders, nicht wahr? Danke sehr übrigens, dass Sie beide gekommen sind. Besonders Ihnen, Meredith. Ich schätze, Sie hatten den ganzen Tag über in London zu tun?« Sie nippten an ihrem Sherry, während Ruth ihre nächsten Worte überdachte.

»Wie ich höre, haben Sie den alten Amyas Fitchett gefunden, Hesters Onkel.« Markby nickte.

»Ja. Ich habe mit ihm gesprochen.« Ruth blickte versonnen drein.

»Wie merkwürdig. Er muss uralt sein. Ich dachte, er wäre längst tot.«

»Er ist in den Neunzigern, aber bemerkenswert munter für sein Alter. Er verlässt das Haus und den Garten nicht mehr, das ist das Einzige. Es hat nichts damit zu tun, dass er sich nicht mehr bewegen könnte. Es ist seine eigene Entscheidung. Ich glaube nicht, dass Dr. Fitchett viel übrig hat für die moderne Welt.« Markby lächelte.

»Oh, das ist schon seit vielen Jahren nicht anders«, sagte Ruth wegwerfend.

»Er hat schon immer voller Verachtung über die Welt da draußen außerhalb seiner kleinen akademischen Insel gesprochen. Er hatte eine sehr brüske, beinahe inquisitorische Art an sich, ich erinnere mich sehr genau. Hester hat immer erzählt, er wäre sehr nett gewesen, und ich nehme an, dass es die Wahrheit ist. Als Hesters Mutter ihn damals fragte, ob es richtig wäre, dass sie mir hilft, hat er sie jedenfalls in ihrer Entscheidung bestätigt.« Ruth blickte beide an.

»Sie wissen, wovon ich spreche, nicht wahr?«

»Von Ihrem Baby«, sagte Markby sanft.

»Das ist richtig. Eine sehr nette Frau namens Mrs. Hatton hat sich mit mir in Verbindung gesetzt und mich gewarnt, dass der alte Onkel Amyas Ihnen davon erzählt hätte. Um es mit ihren Worten zu sagen: ›Er hat dem Superintendent Einzelheiten über Ihr Leben erzählt, von denen ich nicht glaube, dass Sie möchten, dass sie Dritten gegenüber enthüllt werden.‹ Sie war sehr verlegen und hat sich immer wieder entschuldigt. Sie dachte, weil sie Sie zu Onkel Amyas geführt hätte, wäre sie verantwortlich. Ich versicherte ihr, dass es nicht so wäre und dass das Schicksal nun, nachdem Simons Überreste identifiziert worden sind, beschlossen zu haben scheint, alles ans Licht kommen zu lassen.« Ruth sah Meredith in die Augen.

»Hat Alan Ihnen davon erzählt, Meredith?« Meredith gestand, dass dem so war.

»Allerdings erst auf dem Weg hierher, weil er meinte, Sie würden ohnehin darüber sprechen. Sonst hätte er es mir ganz bestimmt nicht erzählt.«

»Das ist sehr anständig von Ihnen, Mr. Markby«, sagte Ruth trocken an Alans Adresse.

»Obwohl es heutzutage nicht mehr ein solcher Skandal ist, wie es damals gewesen wäre. Niemand schert sich noch um mich. Damals war das anders. Damals war ich die Tochter von Reverend Pattinson, und ein derartiges Verhalten wurde von mir nicht erwartet.« Sie starrte traurig in den Kamin, wo das Feuer erneut entzündet worden war. Die Flammen flackerten munter, und rosige Lichtstrahlen tanzten über ihr Gesicht.

»Ich war damals sehr jung, sehr dumm und sehr, sehr verliebt. Oder sollte ich sagen, ich war verliebt gewesen und hatte soeben herausgefunden, dass Liebe einem manchmal hässliche Streiche spielt?«

»Und der Vater des Kindes war Simon Hastings?«, fragte Markby leise.

»Ja. Sie haben seine Mutter heute in diesem Café über ihn reden hören.« Ruth warf einen Blick zu Meredith.

»Sie waren nicht in der Bar, Sie haben es nicht gehört, aber sie hat ihn dargestellt, als wäre er Mr. Perfect gewesen. Es stimmt, dass er sehr intelligent und sehr beliebt gewesen ist. Doch er hatte auch seine Fehler! Andererseits, auch ich habe meine, wenn man Dummheit und Unwissenheit als Fehler bezeichnen kann.« Eines der halb verbrannten Scheite im Kamin zerbrach mit einem lauten Knistern, und Funken stoben in die Höhe.

»Heute ist mir klar, dass ich ein behütetes, isoliertes Leben hatte, bevor ich zur Universität kam. Ich wuchs hier in Lower Stovey auf und wurde später auf ein Internat in der West County geschickt. Es lag mitten auf dem Land, meilenweit nichts in der Nähe. Ich hatte ein paar Freundinnen, aber die erste echte Freundin in meinem Leben war Hester, die ich an der Universität kennen lernte. Mit Männern hatte ich bis damals nie etwas zu tun. Ich kannte keine Jungs. Die meisten Mädchen an der Schule hatten Brüder oder Cousins, und als sie älter wurden, erzählten sie, dass sie zu Hause einen Freund hätten, wo auch immer das war. Einige bekamen Briefe, die sie versteckt in ihren kleinen BHs mit sich herumtrugen, weil sie Angst hatten, dass eine Schwester oder ein Lehrer sie entdecken würden.« Ruth seufzte.

»Ich nicht. Ich war unglaublich naiv und unwissend. Ich dachte, eines Tages würde der richtige Mann vor mir auftauchen und nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten würde alles in Glück und Zufriedenheit enden, wie in einem der Romane von Georgette Heyer.«

»Aber so funktioniert es nicht«, sagte Meredith nüchtern und spürte Alans Blicke auf sich ruhen.

»Nein, natürlich nicht! Aber das wusste ich damals nicht. Als ich Simon begegnet bin, habe ich mich in ihn verliebt, von einer Sekunde auf die andere. Er schien meine Liebe zu erwidern. Ich habe nicht an ihm gezweifelt – warum hätte ich es auch tun sollen? Es war unglaublich schmeichelhaft, dass er ausgerechnet mich auserwählt hatte. Er sah fantastisch aus. Die anderen Studentinnen beneideten mich. Es war alles wunderbar berauschend, solange es dauerte. Und es endete ziemlich abrupt in dem Augenblick, in dem ich ihm sagte, dass ich schwanger war. Ich hatte in einer Fantasie gelebt und mir eingebildet, wir würden heiraten und alles wäre in Ordnung. Als ich sein Gesicht sah …« Ruth brach ab und schluckte mühsam. Es dauerte einige Sekunden, bevor sie weitersprechen konnte, und Alan und Meredith warteten schweigend. Das einzige Geräusch war das leise Knistern des Feuers im Hintergrund.

»Er war entsetzt«, sagte Ruth schließlich tonlos.

»Das war er. Er schlug vor, dass ich es irgendwie ›loswerden‹ sollte. Das waren seine Worte. Er redete über sein eigenes Kind. Als ich ihn diese Worte sagen hörte, wurde mir bewusst, dass er nicht nur mich nicht liebte und niemals geliebt hatte, sondern auch, dass ich ihn nicht mehr liebte. Von einer Sekunde zur anderen war er nicht mehr Mr. Wonderful für mich, und ich empfand nichts als Verachtung für ihn. Er machte es noch schlimmer, offensichtlich voller Entsetzen, angesichts der Möglichkeit, zu einer Heirat gezwungen zu werden. Ich würde meinen Eltern doch wohl nichts erzählen, oder?, fragte er. Er hatte nicht die Absicht, es seinen Eltern zu sagen. Ich versicherte ihm, dass ich keine Ansprüche an ihn stellen würde. Ich würde das Baby irgendwie vor meiner Familie verstecken. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung wie.« Ruth sah Markby und Meredith an. Ihre Augen waren groß und voller Tragik in dem blassen Gesicht.

»Sie können sich nicht vorstellen, in welch einem Zustand ich war. Irgendwie gelang es mir, das Semester abzuschließen. Ich weiß bis heute nicht, wie ich das gemacht habe. Vielleicht habe ich mich verzweifelt auf meine Bücher gestürzt, um das eine große Problem aus meinem Kopf zu verdrängen. Doch dann war das Semester zu Ende und die Zeit gekommen, nach Hause zu fahren. Meine Schwangerschaft wurde allmählich sichtbar. Ich trug weite lange Pullover und zu große Hemden. Ich geriet in den Ruf, exzentrisch zu sein, weil alle anderen Mädchen in meinem Alter in Miniröcken herumliefen. Früher oder später wäre jemand dahintergekommen. Ich vertraute mich Hester an. Ich war mit meiner Weisheit am Ende. Hester, Gott segne sie, rettete mich. Sie nahm mich mit nach Yorkshire. Das Baby kam zur Welt, es war ein Junge, und ich gab es zur Adoption frei. Ich fuhr nach Hause, und … und das Leben ging weiter. Das Merkwürdige daran ist, ein Teil von mir wollte immer noch glauben, dass Simon mich irgendwann einmal geliebt hatte und dass es nur die Schwangerschaft war, die ihn verschreckt hatte, weil er nicht darauf vorbereitet gewesen war. Das war mein dummer Stolz, wage ich zu behaupten! Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich von Anfang an eine komplette Idiotin gewesen war! Ich habe sogar seine Briefe bis vor kurzem aufbewahrt! Ich las sie von Zeit zu Zeit. Sie hatten ihre verletzende Macht verloren, doch ich dachte, sie müssten einen Hinweis auf seine wirklichen Gefühle enthalten. Ich war wie eine Archäologin, die versuchte, einen Sinn in einer antiken Inschrift zu erkennen. Wenn ich nur das Schlüsselwort finden konnte, würde sich alles andere daraus ergeben. Ich verbrannte die Briefe an dem Tag, an dem seine Knochen gefunden wurden. Ich geriet in Panik. Ich wollte nicht, dass jemand herausfand, dass ich eine Verbindung zu Simon hatte. Doch ich wusste, dass es herauskommen würde, falls die Knochen jemals identifiziert würden, und die Polizei ist unglaublich geschickt in diesen Dingen heutzutage, nicht wahr?«

»Nicht die Polizei«, sagte Markby mit schiefem Grinsen.

»Die Wissenschaftler.« Ruth blickte nachdenklich drein.

»Wissen Sie, ich glaube, er hat mich für eine kurze Weile geliebt, bevor ich langweilig für ihn wurde. Er war ein sehr oberflächlicher Typ. Zu seiner Verteidigung – sehen Sie, ich versuche immer noch, ihn zu verteidigen!« Ruth lächelte freudlos.

»Zu seinen Gunsten sei gesagt, dass er umgeben war von Leuten, die seine Freunde sein wollten, weil er so gut im Sport, in seinem Fach und so intelligent war, und diese Leute hätten niemals irgendetwas kritisiert, was er gesagt oder getan hätte.«

»Sie haben ihm nach dem Mund geredet«, sagte Meredith.

»Ja. Er musste niemals irgendein Hindernis überwinden oder sich mit jemand anderem auseinander setzen. Ich denke, in seinen Augen war es richtig unfair von mir, ihm ein Hindernis in den Weg zu legen.« Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und lehnte sich in ihrem Sessel zurück.

»Wie haben Sie herausgefunden – oder was brachte Sie zu der Annahme«, fragte Markby,

»dass die Knochen Simon Hastings’ sterbliche Überreste waren? Ich nehme an, dass Sie ihn bereits einige Jahre nicht mehr gesehen hatten, als er plötzlich spurlos verschwand? Er lebte und arbeitete in London. Wieso sollte er in Stovey Woods auftauchen?« Sie schenkte sich einen weiteren Sherry ein und hob das Glas mit zitternder Hand.

»Das ist richtig. Ich hatte ihn seit Jahren nicht mehr gesehen, nicht bis zum August 1978 jedenfalls. Ich war damals fünfunddreißig, unverheiratet und unterrichtete Englisch. Es waren Sommerferien, und ich kam nach Lower Stovey, um meinen Vater zu besuchen. Ich machte mir Sorgen um ihn. Meine Mutter war sechs Monate zuvor gestorben. Er war ein sehr entrückter Mann und stets von ihr abhängig gewesen. Sie machte alles. Sie führte ihm nicht nur den Haushalt, sondern regelte auch seine Gemeindeangelegenheiten und machte seine Termine. Sie war eine Art Faktotum in unserem Haus, wissen Sie? Sie war sehr geschickt in allem, und er war es nicht. Als sie starb, war er verloren. Er konnte nicht einmal sein eigenes Terminbuch führen. Er vergaß die Treffen des Kirchenbeirats und Taufen oder Hochzeiten. Einmal gab es einen furchtbaren Aufstand, als man ihn aus seinem Arbeitszimmer zerren musste, während die arme Braut vor der Kirche wartete! Ihr Vater war außer sich und schrieb an den Bischof. Der Bischof setzte sich mit mir in Verbindung. Er dachte, dass mein Vater vielleicht ausruhen und sich erholen sollte. Er schlug vor, mir die Adresse eines Konvents zu senden, der sich auf gestresste Geistliche spezialisiert hat.« Ruth winkte resigniert.

»Ich wusste, was mit meinem Vater los war und dass mehr als eine Woche in einer abgeschlossenen Umgebung voller Meditation und einfacher Ernährung nötig waren, um ihn zu heilen. Es war nichts, das man hätte heilen können. Ich wusste, dass er niemals alleine zurechtkommen würde. Ich beging den Fehler, dem Bischof gegenüber meine Zweifel auszudrücken, und das brachte mir einen weiteren Brief von ihm ein, in dem er andeutete, die Antwort bestünde vielleicht darin, dass ich meinem Herzen folgte, meinen Beruf als Lehrerin aufgäbe und als Haushälterin meines Vaters in Lower Stovey bliebe.« Ruth lächelte.

»Hester redete es mir aus. Sie sagte, es wäre eine viktorianische Idee. Sie wies mich darauf hin, dass ich innerhalb weniger Wochen selbst am Ende mit den Nerven wäre und reif für eine Kur, falls ich einwilligte. Ich würde wahrscheinlich einen Nervenzusammenbruch erleiden, bevor ich mich versähe. Da stand ich also und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich blieb bei meinem Vater, während ich nach einer Lösung suchte, die uns beiden weiterhalf. Mein Vater, der arme Kerl, merkte überhaupt nicht, dass es massive Probleme gab. Er war nicht einmal im Stande, zueinander passende Socken zu finden, wenn ich nicht auf ihn aufpasste.« Ruth brach ab und wechselte unvermittelt das Thema.

»Sie haben sicher noch nichts zu Abend gegessen, oder? Möchten Sie vielleicht mit mir essen? Ich könnte uns ein paar Rühreier auf Toast machen.«

»Ich mache uns die Rühreier«, sagte Meredith.

»Wenn Sie zu Ende erzählt haben.« Sie meinte, einen besorgten Blick von Alan aufzufangen. Sie war nicht gerade berühmt für ihre Kochkünste. Trotzdem – Rühreier sollten eigentlich kein Problem darstellen.

»Es war im Spätsommer«, setzte Ruth ihre Erzählung fort.

»Es war sehr heiß, ich erinnere mich noch gut. Mein Vater war ein wenig ruhiger geworden, seit ich bei ihm wohnte, doch er war immer noch verwirrt. Manchmal nannte er mich Mary, so hieß meine Mutter. Zusätzlich zu ihrem Tod hatte es eine Reihe von schrecklichen Vorfällen in seiner Gemeinde gegeben. Frauen waren in Stovey Woods auf der alten Viehtrift angegriffen und ziemlich übel vergewaltigt worden. Die Polizei war im Dorf gewesen und hatte überall Fragen gestellt. Sie war bei meinem Vater und hatte ihn gefragt, ob jemand in der Gemeinde sich in letzter Zeit merkwürdig verhielt oder ob ihm sonst etwas aufgefallen wäre oder ob jemand ihm etwas Merkwürdiges erzählt hätte. Mein Vater versicherte den Beamten, ihm wäre nichts dergleichen bekannt und es sei völlig undenkbar, dass ein Bewohner von Lower Stovey etwas mit den Verbrechen zu tun haben könnte. Er dachte, die Polizei hätte sich mit seinen Worten zufrieden gegeben, doch er war zutiefst erschüttert durch diese Vorfälle.«

»Ich bin der Beamte, der damals mit Ihrem Vater sprach«, sagte Alan.

»Ich erinnere mich an unsere Unterhaltung. Es tut mir Leid zu hören, dass er erschüttert war durch meinen Besuch, doch es liegt in der Natur polizeilicher Ermittlungen, Leute zu erschüttern. Es ging nicht darum, ob ich seinen Worten Glauben schenkte oder nicht. Ich zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass er ehrlich glaubte, dass kein Einheimischer in die Vergewaltigungen verwickelt war. Vielleicht hatte er sogar Recht. Doch das wussten wir damals nicht, und das wissen wir auch heute noch nicht.«

»Sie waren das?«, fragte Ruth.

»Wie eigenartig. Wie klein die Welt doch ist, nicht wahr?«

»Wenn es Sie interessiert«, fügte Markby hinzu,

»ich fand Ihren Vater zwar ein wenig exzentrisch, aber er schien seine Gedanken beisammenzuhaben. Er verteidigte seine Schafe mit großer Vehemenz.«

»Sie kannten ihn nicht so gut wie ich. Es war nicht damit zu rechnen, dass Sie seinen Verfall bemerkten. Nach Ihrem Besuch – ich mache Ihnen keinen Vorwurf, bitte verstehen Sie mich nicht falsch –, aber es gab ihm irgendwie den Rest. Danach ging es nur noch bergab, fürchte ich. Es wurde schlimmer und schlimmer mit ihm. Trotz allem, was Hester gesagt hatte, fing ich an zu überlegen, dass ich keine andere Wahl hatte, als bei ihm zu bleiben. Mein Vater hatte einen Hund, einen Labrador, das Lieblingstier meiner Mutter. An jenem Nachmittag, als es passierte …« Ruth stockte erneut.

»Sie meinen den Nachmittag, an dem Simon Hastings verschwand«, sagte Markby. Sie errötete und verzog melancholisch das Gesicht.

»Sie sind mir voraus, nicht wahr? Da versuche ich zu erklären, und ich habe das Gefühl, als wüssten Sie schon fast alles, was ich Ihnen sagen möchte. Ich wollte für eine Weile aus dem Vikariat, an die frische Luft, um in Ruhe nachzudenken. Ich nahm den Hund und ging nach Stovey Woods hinauf. Ich wusste von den Vergewaltigungen, doch ich hatte nicht die Absicht, in den Wald zu gehen. Ich wollte nur ein wenig über die Felder von Mr. Jones spazieren. Doch der Hund rannte davon. Er rannte in den Wald, und ich jagte hinter ihm her. Ich rief nach dem Tier, bis ich heiser war, und es wollte einfach nicht hören. Der arme Hund, ich schätze, er war so außer sich vor Freude, endlich einmal frei zu sein, dass er alles vergaß. Mein Vater ist nie mit ihm spazieren gegangen. Jedenfalls folgte ich dem Tier in den Wald, und nach ein paar Minuten hörte ich, wie jemand mit ihm redete, ein Mann. Und dann sah ich ein Stück voraus auf einem umgestürzten Baumstamm jemanden sitzen, einen Rucksack bei den Füßen. Der Hund stand vor ihm und ließ sich bereitwillig streicheln. Ein Wanderer, der auf der alten Viehtrift unterwegs war, dachte ich, und rief ihm einen Gruß zu. Ich dachte nicht eine Sekunde lang, dass er der Vergewaltiger sein könnte, für den Fall, dass Sie sich diese Frage stellen. Er sah so offensichtlich wie ein Wanderer aus, verstehen Sie? Er blickte auf, und ich erkannte Simon. Für einen Augenblick standen wir nur dort und starrten uns an. Der Hund stand hechelnd zwischen uns. Das Hecheln klang so laut in der Stille, dass ich mich deutlich daran erinnern kann. Und dann sagte Simon: ›Ruth? Was machst du denn hier?‹ Ich erzählte ihm, dass mein Vater in der Nähe lebte. Er sagte, er wäre auf einer Wanderung über den alten Weg. Er hätte eine Firma in London, die natürliche Schönheitsprodukte herstellt, und es ginge ihm ganz ausgezeichnet. Er wäre in den Wäldern unterwegs auf der Suche nach Ideen für neue Produkte. Er wäre ausgebildeter Botaniker. Schließlich – nachdem er ausgiebig über sich selbst geredet hatte – fiel ihm ein, mich zu fragen, wie es mir ginge und was ich so machte. Ich erzählte ihm, dass ich Lehrerin war. Ich wartete darauf, dass er sich nach unserem Kind erkundigte, doch er sagte nichts. Schließlich wurde ich wütend und fragte ihn: ›Möchtest du nicht wissen, wie es dem Baby geht?‹ Er fragte begriffsstutzig: ›Baby?‹, und das machte mich erst recht wütend. ›Ja, Baby. Ich habe es zur Adoption freigegeben‹, sagte ich zu ihm. Und wissen Sie, was er darauf geantwortet hat? Er hat geantwortet: ›Oh. Dann ist es ja gut.‹«

»Und dann«, fuhr Ruth fort,

»dann verlor ich die Beherrschung.«

»Das überrascht mich nicht«, hörte Meredith sich unwillkürlich sagen.

»Ihn schon«, fuhr Ruth fort.

»Er stand dort, während ich ihn anbrüllte und beschimpfte. Ich sehe sein Gesicht vor mir, als wäre es gestern gewesen. Er sah bestürzt aus, als könnte er nicht begreifen, was ich sagte, sogar ein wenig verängstigt. Ich kann mich nicht an alles erinnern, was ich ihm an den Kopf geworfen habe. ›Willst du wissen, was aus unserem Sohn geworden ist?‹, habe ich ihn angebrüllt. ›Erinnerst du dich nicht mal daran, dass er inzwischen zwölf Jahre alt ist?‹ Schließlich ging mir der Dampf aus, und ich wandte mich ab und rannte davon. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, in dieses stupide, gaffende Gesicht zu sehen! Ich glaube, er hat mir hinterhergerufen, aber er rannte mir nicht nach. Er ließ mich gehen. Ich rannte weiter, bis ich außer Atem war, und kam mitten in den Feldern von Jones aus dem Wald, direkt vor einem Pferd, das mich erschrocken anstarrte. Der Hund rannte neben mir her und sprang an mir hoch und versuchte meine Aufmerksamkeit zu wecken, weil er spürte, dass ich unglücklich war. Es war auf groteske Weise lustig. Da stand ich mitten im Nichts mit einem Hund, der sich um mich sorgte, und einem verblüfften Pferd als Begleiter. Ich merkte, dass Tränen über meine Wangen liefen, Tränen der Wut. Am Rand des Felds gibt es einen kleinen Bach, und ich ging hin, kniete nieder und spritzte mir Wasser ins Gesicht und versuchte mein Haar zu ordnen. Der Hund und das Pferd folgten mir. Der Hund war ein Labrador und liebte das Wasser. Er sprang hinein und schwamm ein wenig umher. Schließlich stand ich wieder auf und sagte zu dem Pferd …« Ruth brach ab und sagte verlegen:

»Ich weiß, es mag verrückt klingen, aber das habe ich getan. Vielleicht war ich für eine Weile tatsächlich ein wenig verrückt. Jedenfalls sagte ich zu dem Pferd: ›Jetzt geht es mir wieder besser.‹ Und das Pferd stieß ein leises Schnauben aus, als hätte es mich verstanden. Ich rief den Hund, und wir machten uns auf den Weg nach Hause. Ich betete, dass ich unterwegs niemandem begegnen würde, aber wir liefen ausgerechnet Old Billy Twelvetrees in die Arme! Damals war er noch nicht so alt. Er arbeitete für Mr. Jones. Er fragte mich, ob alles in Ordnung wäre, und ich antwortete sehr steif: ›Selbstverständlich ist alles in Ordnung!‹ Er bedachte mich mit einem wissenden Blick und sagte: ›Dann ist ja alles in Ordnung, wie?‹ Um mein rotes Gesicht und die geschwollenen Augen zu entschuldigen, sagte ich, dass ich an meine Mutter hätte denken müssen. Er meinte, es hätte ihm sehr Leid getan, als er von Miss Marys Tod erfahren hätte. So nannten die Dorfbewohner meine Mutter. Miss Mary. Er hielt mir einen kleinen Vortrag und erzählte, dass sie eine richtige Lady der alten Schule gewesen wäre, und wünschte mir sein Beileid, sehr förmlich sogar. Ich bedankte mich bei ihm und ging nach Hause.« Ruth lehnte sich erschöpft zurück.

»Ich weiß heute, dass ich wahrscheinlich der letzte Mensch bin, der Simon Hastings lebendig gesehen hat.« Ein eisiger Schauer lief über Merediths Rückgrat. Konnte es sein, dass Alan Recht hatte, Ruth auf seine

»Liste möglicher Täter« zu setzen? In diesem gleichen Zimmer hatte Ruth ihr gesagt, dass sie die Letzte gewesen war, die Hester lebendig gesehen hatte. In Ruths Fall bedeutete es, dass der Blitz zweimal am gleichen Ort eingeschlagen hatte. Oder war es einfach nur Pech? Hatte Ruth, wie sie selbst gesagt hatte, nur eine Weile die Selbstbeherrschung verloren und war auf Simon losgegangen? War er ausgerutscht und hatte sich den Kopf angeschlagen an dem Baumstamm, auf dem er gesessen hatte? Sie versuchte diese Gedanken aus ihrem Kopf zu verdrängen und erhob sich.

»Ich denke, ich mache uns jetzt Rühreier, einverstanden?« Sie ging in die Küche und suchte die notwendigen Utensilien und Teller zusammen. Ruth rief ihr fragend hinterher, ob sie Hilfe benötigte, und Meredith antwortete, dass sie zurechtkäme. Nach ein paar Sekunden hörte sie, wie Ruth und Alan ihre Unterhaltung fortsetzten. Die Türen standen offen, und die Stimmen der beiden drangen bis in die Küche.

»Warum?«, fragte Alan.

»Warum haben Sie mich angerufen und gesagt, dass Sie glauben, möglicherweise gegen das Gesetz verstoßen zu haben?«

»Weil Simon kurze Zeit später verschwand. Genau genommen am gleichen Tag, nicht wahr, am vierundzwanzigsten? Es stand in der lokalen Presse, und es kam in den Nachrichten. Ich hätte mich melden und der Polizei erzählen müssen, dass ich ihn gesehen hatte, doch das wollte ich nicht. Ich hatte Angst, Erklärungen abgeben zu müssen. Außerdem, so sagte ich mir, hätte es niemandem geholfen.« Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu:

»Oder?«

»Möglich. Vielleicht wären wir im Stande gewesen, die Stelle genauer einzugrenzen, wo er zum letzten Mal gesehen wurde, um unsere Suche auf die fragliche Gegend zu konzentrieren. Ist es das, was Sie gemeint haben, als Sie von einem Verstoß gegen das Gesetz sprachen?«

»Halb und halb. Als die Knochen gefunden wurden, habe ich eine weitere Gelegenheit versäumt, mich bei der Polizei zu melden und von jenem Tag zu erzählen, doch ich schwieg noch immer. Es bestand eine vage Chance, dass Sie nicht im Stande sein würden, die Knochen zu identifizieren. Anstatt mich zu melden, ging ich hin und verbrannte seine Briefe. Zerstörte Beweise, wenn Sie so wollen. Ich hoffte und betete, dass Sie ihn nicht identifizieren würden. Es nutzte nichts. Sie fanden heraus, wer er war.«

»Es war reines Glück, weiter nichts«, gestand Markby.

»Er besaß ein außergewöhnliches Zahnimplantat, und der Kiefer war einer der Knochen, die wir fanden.«

»Verstehen Sie nun? Es war vorherbestimmt. Damit wusste ich, dass ich endlich reden musste, denn das, was ich wusste, war für die Gerichtsverhandlung wichtig. Doch ich wollte nicht bei der Verhandlung aussagen. Ich konnte einfach nicht. Später, als ich in diesem Café Simons Mutter sah und hörte, wie sie über ihn redete, überkamen mich starke Schuldgefühle. Die arme Frau, all die Jahre im Ungewissen, was aus ihm geworden war. Vielleicht hätte ich ihre Qualen abkürzen können, wenn ich mich gleich gemeldet hätte, vor vielen Jahren. Moralisch gesehen hätte ich meine Aussage nicht zurückhalten dürfen, und praktisch betrachtet habe ich das Gesetz gebrochen, oder nicht?« Meredith hörte, wie Alan beruhigend sagte:

»Ich bin nicht hier, um Sie zu verhaften, Ruth. Ich denke, Sie hätten sich melden müssen, als Simon Hastings verschwand und wir uns an die Öffentlichkeit wandten und um Mithilfe baten. Doch da wir damals wie heute keinerlei Beweise haben, dass ein Verbrechen im Zusammenhang mit seinem Verschwinden begangen wurde, haben Sie rein technisch betrachtet auch nicht gegen das Gesetz verstoßen, indem Sie sich nicht gemeldet haben. Sie waren nicht hilfreich, das ist alles, und Sie haben dazu beigetragen, dass die Polizei Zeit verschwendet hat, weil wir die falschen Gegenden abgesucht haben. Ich sage nicht, dass wir Simon hätten finden können, wenn Sie damals ausgesagt hätten. Wir kennen die Umstände nicht, unter denen er starb. Mit der Gerichtsverhandlung verhält es sich ein wenig anders. Ein Anwalt würde argumentieren, dass Ihre Aussage nicht relevant war, da die Identität der Knochen nicht strittig war. Wir hatten forensische Beweise, dass der Tote Simon Hastings ist. Die Tatsache, dass Sie Simon im Wald begegnet sind, ist lediglich ein Indiz. Für sich allein genommen bedeutet dieses Indiz noch lange nicht, dass es sich bei den Knochen um Hastings’ sterbliche Überreste handelt, auch wenn es auf diese Möglichkeit hingedeutet hätte. Doch da wir den forensischen Bericht hatten, benötigten wir Ihre Aussage nicht. Wie dem auch sei, machen Sie sich keine Gedanken deswegen. Nichts von dem, was Sie bisher erzählt haben, trägt signifikant zu dem bei, was wir bereits wissen, nämlich, dass er auf der alten Viehtrift unterwegs war, als er verschwand.« Meredith hörte, wie Ruth einen erleichterten Seufzer ausstieß.

»Ich danke Ihnen. Ich danke Ihnen sehr. Ich war so voller Angst, und mein Gewissen hat mich stark belastet.« An dieser Stelle bemerkte Meredith, dass die Eier am Boden der Pfanne klebten. Das Lauschen hatte sie abgelenkt, und sie hatte vergessen zu rühren. Sie kratzte die Rühreier so gut vom Pfannenboden, wie es ging, und ließ die zu stark gebräunten Reste übrig. Der Toast sprang wie bestellt aus dem Toaster. Sie deckte den Küchentisch, teilte das Essen aus und rief die anderen. Sie meinte, Erleichterung in Alans Gesicht zu entdecken, als er sah, dass die Eier gelungen waren, auch wenn er zu der Pfanne starrte, die in kaltem Wasser einweichte. Ruth war in der Speisekammer verschwunden und kehrte nun mit einer Flasche Weißwein zurück. Es war nicht zu übersehen, dass eine tonnenschwere Last von ihren Schultern gefallen war. Sie sah richtiggehend beschwingt aus.

»Das ist der Wein, den ich vorhin erwähnt habe. Wir trinken ihn zum Toast, einverstanden? Könnten Sie die Flasche öffnen, Alan?« Nachdem sie gegessen hatten und mit dem restlichen Wein ins Wohnzimmer zurückgekehrt waren, setzten sie sich um das Kaminfeuer. Ruth sah aus, als wäre sie im Frieden mit sich selbst. Es war eine große Erleichterung für sie, erkannte Meredith, nach so langer Zeit endlich über das Geheimnis reden zu können, welches sie so viele Jahre mit sich herumgetragen hatte. Sie hörte sich fragen:

»Glauben Sie zurückblickend, dass Sie Ihren Eltern von dem Baby hätten erzählen können? Dass sie es verstanden hätten? Ihr Vater war immerhin ein Gemeindegeistlicher, und die Leute müssen ihm alle möglichen nur zu menschlichen Dinge gebeichtet haben.«

»Oh, sicher. Vater hätte es verstanden. Er kannte sich aus mit menschlichen Schwächen«, erwiderte Ruth.

»Aber er wäre tief enttäuscht gewesen, und schlimmer noch, er hätte sich schuldig gefühlt.«

»Warum um alles in der Welt hätte er sich schuldig fühlen sollen?«

»Weil er darin versagt hatte, mich so aufzuziehen, dass ich der Versuchung widerstehen konnte!« Ruth grinste schief.

»Ich glaube nicht, dass er sonderlich gut damit zurechtgekommen wäre, nicht mit einem solchen Skandal in der eigenen Familie. Mit den Problemen anderer Leute umzugehen ist so viel einfacher als mit den eigenen fertig zu werden, denke ich. Das ist jedenfalls eine Erfahrung, die ich als Lehrerin gemacht habe. Ich war immer mit guten Ratschlägen für meine Schüler da. Und sehen Sie sich an, was ich aus meinem eigenen Leben gemacht habe!« Markby, der gedankenverloren in die knisternden Scheite gestarrt hatte, beugte sich vor und nahm den Schürhaken, um ein Stück glühender Kohle, das vom Grill zu fallen drohte, tiefer ins Feuer zu schieben.

»Sie hatten eine unglückliche Beziehung. Das war nicht allein Ihre Schuld. Dadurch wurde Ihr Leben kaum zu einem Desaster. Sie waren als Lehrerin erfolgreich. Sie haben später geheiratet, einen anderen Mann.«

»Und doch sitze ich hier und habe nichts in den Händen. Verstehen Sie? Hester war am Ende alles, was ich hatte.«

»Haben Sie denn nie …«, setzte Meredith zu einer Frage an, doch dann brach sie verlegen wieder ab.

»Nie was?«, fragte Ruth leise.

»Es geht mich nichts an. Bitte entschuldigen Sie.«

»Lassen Sie mich raten.« Ruth glättete eine Falte in ihrem Rock.

»Ob ich nie versucht habe, mein Kind ausfindig zu machen? Ist es das?«

»Ja, das war es.«

»Und was hätte ich ihm sagen sollen, wenn ich es gefunden hätte? Nein, ich denke lieber, dass mein Sohn irgendwo dort draußen ein glückliches und erfolgreiches Leben führt.« Lange Zeit sagte niemand ein Wort. Die Stille wurde von Markby durchbrochen.

»Welches Arrangement trafen Sie schließlich bezüglich Ihres Vaters, Ruth?«, fragte er unvermittelt.

»Oh, mein Vater. Ja, das war ein weiteres Problem, von dem ich nicht wusste, wie ich es lösen sollte. Dann hatte ich unerwartetes Glück. Einige Tage später sah ich Mr. Jones – nach meiner Begegnung mit Simon. Ich meine den alten Mr. Jones, Martin, der damals die Greenjack Farm führte, nicht den jungen Kevin, der heute dort der Farmer ist und auch nicht mehr so jung wie damals ist. Martin war ungefähr so alt wie Kevin heute. Wir unterhielten uns ein wenig, und er erzählte mir, er hätte eine Nichte, die in jungen Jahren zur Witwe geworden wäre und in sehr schwierigen Umständen lebte. Kein Geld, meinte er damit. ›Sie braucht dringend eine Arbeit‹, sagte er. ›Und sie muss sich eine billige Wohnung suchen.‹«

»Wissen Sie«, fuhr Ruth in ernstem Ton fort,

»es war wie in einem jener barocken Deckengemälde, wo ein Sonnenstrahl durch die Wolken bricht und einen knienden Heiligen trifft. Ich fragte Mr. Jones, ob er glaubte, seine Nichte wäre vielleicht daran interessiert, in das Vikariat zu ziehen und meinem Vater den Haushalt zu führen. Er war hellauf von der Idee begeistert und meinte, das würde sie ganz bestimmt tun. Also traf ich mich mit seiner Nichte, und sie war eine gute, praktisch veranlagte Frau ohne Kinder und sehr erfreut über das Angebot, nach Lower Stovey zu kommen und in der Nähe ihres Onkels zu leben. Und so kam es dann auch. Sie sorgte für meinen Vater, bis er starb, und sein Leben verbesserte sich gewaltig. Er bekam endlich wieder regelmäßige Mahlzeiten, seine Wäsche wurde gewaschen, sie hielt ein Auge auf seine Termine und sorgte dafür, dass er dort war, wo er erwartet wurde. Er konnte weiter Vikar von Lower Stovey bleiben, bis zu seinem Tod, und das hatte er allein ihr zu verdanken.« Ruth seufzte.

»Doch in der Zwischenzeit war Lower Stovey immer weiter geschrumpft. Die Schule war geschlossen worden. Meinen Vater in situ zu lassen, wo er sich um die verbliebenen Gemeindemitglieder kümmerte, war gut und richtig gewesen. Sie alle kannten ihn, und er war bereits so lange hier in Lower Stovey, dass es unvernünftig gewesen wäre, ihn noch einmal zu versetzen, und sei es nur in den Ruhestand. Doch nach seinem Tod wurde die Entscheidung gefällt, ihn nicht zu ersetzen, sondern St. Barnabas in die Kirchengemeinde von Bamford einzugliedern. Angesichts dieser Entwicklung beschloss die Diakonie, das Vikariat zu verkaufen. Und da die Haushälterin dort wohnen geblieben war, bis eine Entscheidung über die Zukunft des Hauses getroffen war, beschloss man, es ihr anzubieten, falls sie wollte, zu sehr großzügigen Konditionen. Es war ein Spottpreis, ehrlich. Die Diakonie wollte das Haus loswerden. Es war ein Fass ohne Boden und benötigte dringend eine ganze Reihe von Renovierungsarbeiten. Die Haushälterin hatte eine ganze Reihe von Jahren dort gelebt, bei freier Kost und Logis zusätzlich zu ihrem Lohn, und sie hatte ihr ganzes Geld gespart, sodass sie im Stande war, den Kaufpreis zu bezahlen. Ich glaube, ihr Onkel Martin hat ihr noch einen Teil dazugegeben.« Markby stellte sein Weinglas ab.

»Eine Sekunde bitte. Die Haushälterin hat Old Vicarage gekauft? Wann war das?«

»Ja«, sagte Ruth.

»Es war, warten Sie, Ende zweiundachtzig, Anfang dreiundachtzig. Sie wohnt immer noch dort. Es ist Muriel Scott.«

KAPITEL 12

»KOMM SCHON, Henry!«, drängte Pearce. Normalerweise bereitete es ihm Freude, den Hund um diese frühe Tageszeit an einem so milden Morgen auszuführen, doch die gegenwärtigen Umstände arbeiteten in jedem Bereich seines Lebens gegen ihn. Der Zahn, den er in einem Kampf Geist über Materie zu kurieren versucht hatte, reagierte nicht auf die Behandlung und wurde im Gegenteil unbestreitbar schlimmer. Darüber hinaus war Dave sich der Tatsache sehr deutlich bewusst, dass sie sich in ihrem Mordfall einem Stadium näherten, in dem die Spuren anfingen zu erkalten, zuerst unmerklich, dann zunehmend offensichtlich.

»Drei Tage«, sagten viele der alten, erfahrenen Hasen.

»Du hast drei Tage, um eine wirklich gute Spur zu finden, oder du steckst in Schwierigkeiten.« Doch inzwischen waren nicht drei, sondern sechs Tage vergangen seit dem Mord an Hester Millar. Je mehr Zeit ins Land schritt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Beweise beschädigt oder gar vernichtet wurden. Die Leute vergaßen viele Dinge – schlimmer noch, ihr Gedächtnis spielte ihnen Streiche, und sie erinnerten sich an etwas, das sich gar nicht so ereignet hatte. In vielen Fällen war der Mörder auf diese Weise entschlüpft und trieb sich irgendwo in der Welt herum. Pearce nahm nicht an, dass der Mörder von Hester Millar aus der Gegend verschwunden war. Er und Markby waren sicher, dass er oder sie sich noch immer entweder in Lower Stovey selbst oder in der näheren Umgebung der kleinen Ortschaft aufhielten. Ein Verschwinden aus der kleinen Gemeinde wäre sofort aufgefallen, insbesondere, wenn es so unerwartet kam. Doch niemand hatte unerwartet die Koffer gepackt und war weggegangen, dachte Pearce. Der Täter war noch immer dort und lebte sein ganz normales Leben weiter …

»Henry!«, wiederholte Dave mit wachsender Ungeduld. Manchmal konnte Henry sehr entgegenkommend sein, und sie absolvierten ihre Runde um den Sportplatz in Rekordzeit. Manchmal jedoch schien er geradezu in eine meditative Phase zu verfallen. Er hielt aus keinem erkennbaren Grund inne und stand einfach da, während er in eine unbestimmte Ferne starrte (in der Pearce nichts, absolut gar nichts zu sehen vermochte), taub gegenüber jeder Beschwörung. Er schien dann, oder wenigstens bildete Dave sich das ein, einen glasigen Blick in den Augen zu haben – genau wie jetzt, still wie eine Statue, während er sich mit jemandem zu beratschlagen schien, der für menschliche Augen unsichtbar war.

»Blöder Hund!«, brummte Pearce.

»Ich komme zu spät zur Arbeit!« Und er hatte extra früh da sein wollen. Er hatte es zu Tessa gesagt und damit begründet, dass ein so wichtiger Fall zusätzlicher Anstrengungen seinerseits bedurfte.

»Überleg nur, Liebling, wenn es mir gelingt, ihn ohne die Hilfe des alten Mannes zu lösen, dann bringt mich das einer Beförderung einen mächtigen Schritt näher!« Der

»alte Mann« – Markby – war glücklicherweise nicht in der Nähe, um diese wenig nette Beschreibung seiner Person zu hören. Tessa jedoch hatte sie gehört und war geradewegs zum Kern der Sache gekommen.

»Ich gehe heute Morgen nicht schon wieder mit Henry aus!«, sagte sie brüsk.

»Du bist an der Reihe!« Also war Pearce losgezogen, Plastiktüte in der Tasche, Hund an der Leine. Bisher waren sie noch niemandem begegnet, was ungewöhnlich war. Normalerweise waren um diese Zeit schon einige Leute mit ihren Hunden unterwegs. Sowohl Tessa als auch Dave wachten mit Adleraugen über diejenigen unter ihnen, die keine Plastiktüte bei sich trugen. Pearce hatte einmal einen Mann am Eingang zum Sportpark angehalten und ihn darauf aufmerksam gemacht, dass es eine Ordnungswidrigkeit darstellte, die Hinterlassenschaften seines Hundes nicht zu beseitigen. Der Mann, ein schmächtiger kleiner Bursche mit einer spitzen Nase und einer bemerkenswerten Ähnlichkeit mit dem Hund, den er ausführte, hatte sich als störrisch erwiesen.

»Kümmer dich um deinen eigenen Kram, Kumpel!«, hatte er zu Pearce gesagt.

»Es ist mein Kram, Sir, ich bin Polizist«, hatte Pearce geantwortet, was ihm einen weiteren vernichtenden Kommentar eingetragen hatte.

»Und warum suchen Sie dann keine Verbrecher? Kein Wunder, dass die Kriminalität so hoch ist, wenn alle ihre Zeit damit verschwenden, unbescholtene Bürger zu verfolgen, die ihre Hunde ausführen, während andere Leute überfallen und beraubt werden!« Die Feststellung, dass er seine Zeit verschwendete, anstatt Verbrecher zu jagen, war Pearce an diesem Morgen einmal mehr machtvoll zu Bewusstsein gekommen. Glücklicherweise hatte Henry beschlossen, dass es Zeit war weiterzugehen, doch bevor sie weit gekommen waren, raschelte es in der Hecke neben dem Weg, und Henrys ein wenig stumpfe Jagdinstinkte erwachten. Er sprang auf die Quelle des Geräuschs zu. Die ausrollbare Leine spulte sich auf volle Länge ab, bevor Pearce es verhindern konnte. Henry wand sich durch eine kleine Lücke im dichten Gewirr aus Zweigen und Blättern, die Leine verfing sich in einem Ast, und abrupt ging es nicht mehr weiter. Er stieß ein beklagenswertes Jaulen aus.

»Geschieht dir recht«, brummte sein wenig mitfühlender Besitzer. Er schüttelte die Leine, doch sie löste sich nicht. Pearce war gezwungen, über den Graben zu steigen und die niedrige Böschung hinaufzuklettern, wobei sich Dornen in seiner Kleidung und seinen Haaren verfingen, um Henry zu befreien. Während dieser Operation setzte er versehentlich einen Fuß mitten in den Graben, in dem kaltes, morastiges Wasser stand. Henry, der überhaupt nicht einverstanden war, von etwas so Interessantem weggezerrt zu werden, wehrte sich nach Kräften und hinterließ Schleifspuren auf der Böschung, wo er um Halt gekämpft hatte.

»Das reicht jetzt!«, sagte Pearce zu seinem Hund.

»Wir gehen nach Hause, auf der Stelle.« Er machte sich unzufrieden und frustriert auf den Heimweg. Am Tor vor dem Haus löste er die Leine von Henrys Halsband, sodass der Hund vorausrennen konnte, und zog seinen nassen Schuh aus. Er musste beide Schuhe und die Socken wechseln, bevor er zur Arbeit fuhr. Den durchnässten Schuh in der Hand humpelte er zur Hintertür. Als er sie erreicht hatte, durchbrach ein schriller Schrei die Stille.

»Dave Pearce! Was hast du dir dabei gedacht, den Hund mit verdreckten Pfoten ins Haus rennen zu lassen? Er hat den sauber gewischten Küchenboden ruiniert!« Dave blieb an der Tür stehen und richtete die Augen himmelwärts.

»Bitte, lieber Gott«, murmelte er.

»Bitte mach, dass heute irgendetwas nicht schief geht.«

Seine Bitte war erhört worden. Als er endlich auf der Arbeit ankam, fünfzehn Minuten zu spät statt einer halben Stunde vor der Zeit, wurde er von Ginny Holding begrüßt.

»Wir haben eine Antwort!«, sagte sie.

»Auf die Bitte um Mithilfe, die wir in der einheimischen Presse veröffentlicht haben. Eine Frau hat angerufen und gesagt, sie hätte Hester Millar an jenem Morgen gesehen, bevor sie ermordet wurde.«

»Wer? Wo?«, fragte Pearce eifrig, während er nach dem Blatt